Chinetik
Eine Zusammenarbeit des Museum Tinguely mit Littmann Kulturprojekte

11. Februar – 19. April 2009

Wenn vom Wandel Chinas vom Agrarreich zur globalen Wirtschaftsmacht gesprochen wird, ersetzen meist Zahlen die Worte. Nach langen Jahren der Selbstisolation telefonieren heute 400 Millionen Menschen mobil – noch vor zehn Jahren kannte die Mehrzahl der 1,3 Milliarden Chinesen das Telefon nur vom Hörensagen. Täglich werden in Beijing 1300 neue Autos zugelassen, 2 Millionen Motorfahrzeuge bewegen sich täglich auf den Strassen der Hauptstadt und verändern das Stadtbild und die Luftqualität. In zehn Jahren werden in China, nach vorsichtigsten Schätzungen, 130 Millionen Autos fahren. 540 Millionen Fahrräder gibt es noch in China, dem einstigen Land der Zweiradfahrer. Irgendwann in naher Zukunft werden die Autos die Herrschaft auf den Strassen von den Fahrradfahrern übernehmen. Die Bilder abgestammter chinesischer Realitäten verändern sich mit rasender Geschwindigkeit. Und die Halbwertszeit der chinesischen Alltagskultur sinkt mit jedem neuen Tag.

Die Geschwindigkeit des Wandels ist zu schnell, um ihr mit dem Fahrrad noch bei zu kommen. Es ist erst dreissig Jahre her, da verkörperte das Fahrrad einen Wechsel weg von der relativen Statik der Ochsen und hin zu einer gesteigerten Mobilität und in einem kleinen Masse zu jener Freiheit, die Mobilität verschafft. Noch in den 1970er Jahren galten Fahrräder in der chinesischen Gesellschaft als Statussymbole. Wer ein Rad wollte, brauchte einen Coupon, und die Coupons wurden mit Losen zugeteilt. Wer ein Fahrrad besass, verfügte nicht zuletzt über die Möglichkeit, am Handel teilzunehmen.
Die dreirädrigen Fahrräder waren mobile Garküche, Kohlentransporter, Werkstatt, Laden oder Kehrichtabfuhr. Waren, denn in den chinesischen Metropolen wie Beijing oder Schanghai verschwindet das Fahrrad und mit ihm seine Kultur aus dem Strassenbild. Noch sieht man sie vereinzelt, mehr aber auch nicht, und an den Fahrrädern haftet schon das Stigma der Vergänglichkeit. Sie werden zum Symbol der Veränderung, zu musealen Objekten, zur bewegten Retrospektive.

Dies hat Klaus Littmann aufgenommen, er hat eine Sammlung dieser Gebrauchsvelos mitsamt ihrer Beladung zusammengetragen, und er hat Künstler zu einer Auseinandersetzung mit diesen Gefährten und der ihnen innewohnenden Kultur angeregt.

Künstlerliste:
Guillaume Bijl, Daniele Buetti, Franz Burkhardt, Stephen Craig, Gao Lei, Peter Knapp, Job Koelewijn, Peter Kogler, Mu Bo Yan, Robert Rauschenberg, Ulrike Schröter, Michael Vessa, Thomas Virnich, Wang Guangyi, Xiao Yu, und Studenten der Architektur der Universität Karlsruhe

Eine begleitende Publikation erscheint im Reinhardt Verlag Basel im März (erhältlich im Museumsshop).


Chinetik

Virtuelle Tour


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