Tinguely@Tinguely
Ein neuer Blick auf Jean Tinguelys Werk

 7. November 2012 – 30. September 2013

Sechzehn Jahre und über fünfzig Ausstellungen ist es her seit Eröffnung des Museum Tinguely. Mit der grossen Überblicksausstellung »Tinguely@Tinguely« soll der Künstler als wichtiger Impulsgeber der internationalen Kunstszene um 1960 neu vorgestellt werden.
Gleichzeitig erscheint ein umfassender Sammlungskatalog, der die gewachsene Sammlung und die Arbeit des Museums seit 1996 vorstellt.
Frühwerk In einem eigentlichen Schaffensrausch erfand Tinguely 1954–55 mit den Méta-Herbins, den Méta-Malevitchs, den Blanc sur blancs, den ersten Machines à dessiner und den Volumes virtuels in kurzer Zeit Werkgruppen, die den abstrakten Spielformen der europäischen Nachkriegskunst mit ihrer Bewegung, der Einbindung des Zufallsmoments und der Hinwendung zur Aktivierung der Sinne neue Wege eröffneten. Aktionen und Schrott 1960 begann Tinguely, Aktionen und Happenings mit einer durch »Objets trouvés« bestückten radikalen Schrott-Ästhetik zu verbinden und die toten Abfallprodukte der Konsumgesellschaft zu neuem, eigensinnig-absurdem, aber oft nur kurzem Leben zu erwecken. Seine sich selbst zerstörenden Kunstwerke und Aktionen zeigten ihn inmitten einer jungen Generation neodadaistischer Aktionskünstler.
Jean Tinguely, Wundermaschine, Méta-Kandinsky I, 1956
Homage to New York von 1960 war das erste sich selbst zerstörende Kunstwerk überhaupt.
Die Zerstörungsaktion Study for an End of the World No. 2 (1962) trug bereits das Potenzial der Inszenierung von Landschaft in sich, wie es Jahre später mit der Land Art
erst richtig entwickelt wurde. Schwarz-matt Eine neue Dynamik ist den ab 1963 entstandenen schwarzen Skulpturen eigen. Die Erscheinung der Skulpturen wurde kompakter und durch die mattschwarze Bemalung einheitlicher. Mit der für die »Expo 64« in Lausanne entstandenen Heureka war ein Höhepunkt in dieser Entwicklung erreicht.
Gemeinschaftsarbeiten Von grosser Bedeutung für Tinguelys Werk waren seine zahlreichen Gemeinschaftsarbeiten, die ab 1962 entstanden. Le Cyclop, zwischen 1971 und 1991 in Milly-la-Forêt südlich von Paris errichtet, trug die Idee eines Gesamtkunstwerks in sich. Diese ›Freundschaftsplastik‹ von über 22 m Höhe gestaltete er zusammen mit Künstlern wie Niki de Saint Phalle, Bernhard Luginbühl, Daniel Spoerri, Eva Aeppli und vielen weiteren.

Grossskulpturen Tinguelys Skulpturen sprechen den Betrachter stets auf mehreren Ebenen an. Sie haben kinetische, optische, akustische, manchmal auch olfaktorische und haptische Ausstrahlung. Eine der vielseitigsten und monumentalsten Werkserien sind die Musikmaschinen, die zwischen 1978 und 1985 entstanden.
Zu der Reihe von akustisch wirkenden Grossskulpturen kann auch die Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia (1987) gezählt werden. Sie ist als einzige dieser grossen Installationen begehbar. Der Mensch wird darin – wie bei Charlie Chaplins Modern Times – zum Teil der Maschine und verliert sich in einem
mechanischen Labyrinth und Räderwerk. Die Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia ist ein komplexes theatrales Werk, das Tinguelys Hang zum Performativen zur Geltung bringt.

Passionen Tinguely hatte viele Passionen, eine der grössten war der Motorrennsport. Dessen Faszination und Schrecken, die hohe Perfektion in der Verbindung von Mensch und Maschine, aber auch die latente Gefahr von Unfall, Chaos und Tod regten ihn zu vielen Arbeiten an. Radikal Tinguely war einer der radikalsten und subversivsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Viele Grundfragen und Themen unserer Existenz scheinen
in seinen Werken auf: Das Verhältnis des Menschen zur Maschine, Schönheit und Nutzlosigkeit der Bewegung, der Klang, das Geräusch und die Musik, das Schattenspiel, die Leichtigkeit und die Schwere, die Auflösung und die Leere, die Elemente und die Infragestellung der Rollen von Autor, Zuschauer und Kunstwerk.
Dass Tinguelys künstlerische Errungenschaften mit Leichtfüssigkeit, Humor, Ironie und Parodie einhergehen, zählt zu den besonderen Qualitäten seines OEuvres. Es reicht von duchamp’schem Dadaismus über geometrische Abstraktion und kinetische Animation bis zu barocker Üppigkeit und kann in seiner ganzen Bandbreite in der Ausstellung »Tinguely@Tinguely« entdeckt werden.