SAFARI IN RESTAURO. Restaurierung von Jean Tinguelys Le Safari de la Mort Moscovite vor Museumspublikum, ab 19. April 2016

Restaurierungsarbeiten an Jean Tinguelys Safari (1989) © 2016 Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr

Zum Gedenken an den 25-jährigen Todestag von Jean Tinguely (30.08.1991) findet am 3. September 2016 in den Strassen von Fribourg (CH) der „Grand Prix Tinguely“ statt. Die „Fahrskulptur“ Le Safari de la Mort Moscovite, kurz Safari (1989) aus der Sammlung des Museum Tinguely wird diese Prozession anführen, gefolgt von Fasnachtswagen, Rennautos und Oldtimern. Die Mitarbeiter der Restaurierungsabteilung des Museum Tinguely machen sich ab dem 19. April daran, Safari bis zu diesem Gedenkumzug wieder fahrtüchtig zu machen. Dazu werden verschiedene Konservierungs- und Restaurierungsmassnahmen an diesem Werk öffentlich vor Museumspublikum durchgeführt.

Ab 19. April können die Museumsbesucher die Arbeiten der Restauratoren, Jean-Marc Gaillard und Albrecht Gumlich sowie Chantal Willi, Praktikantin am Museum Tinguely und Studentin im Fachbereich Konservierung und Restaurierung an der HKB/Hochschule der Künste Bern, am Safari live mitverfolgen. Das Projekt SAFARI IN RESTAURO bietet spannende Einblicke in die Entscheidungsfindungen und die Massnahmen der Konservierung und Restaurierung. Die einzelnen Massnahmen werden in Form von Texten und Fotos an einer Pinnwand im Ausstellungsraum dokumentiert und fortlaufend aktualisiert. Der Ausstellungsraum wird dafür zu einer Art Restaurierungswerkstatt umfunktioniert. Fotos und Filme dokumentieren die Entstehungs- und Ausstellungsgeschichte von Tinguelys Werk.

Ziel der Konservierung und Restaurierung von Safari

Primäres Ziel einer Konservierung ist es immer, den Ist-Zustand eines Kunstwerks zu bewahren. Zusätzlich werden präventive Massnahmen ergriffen, um die unvermeidlichen Veränderungen am Objekt so gering wie möglich zu halten. Die stetig fortschreitende Abnutzung, der ein kinetisches Kunstwerk wie Safari unterliegt, führt zwangsläufig zu einem Dilemma: Durch die Bewegung wird das Originalmaterial abgenützt. Wird die Bewegung von Safari jedoch eingestellt, geht die ursprüngliche Intention des Künstlers verloren. Die komplexe konservatorische Herausforderung beim Safari besteht darin, dass vom Künstler zwei Bewegungsabläufe für das Werk vorgesehen sind: Tinguelys kinetische Konstruktion und die lineare Fortbewegung des Autos selbst. Ein Video, das in Verbindung mit diesem Restaurierungsprojekt von Studenten der Abteilung Konservierung und Restaurierung der HKB, unter Leitung von Marc Egger, Dozent im Fachbereich Moderne Materialien und Medien, realisiert wurde, veranschaulicht die Bewegungsabläufe und die akustische Dimension von Safari, die es als wichtige Bestandteile des Kunstwerks zu erhalten gilt. In einem ersten Schritt wird die Mechanik des Autos wieder instand gesetzt. Fragile Bestandteile der Konstruktion werden gesichert und dokumentiert. Eine detaillierte Bestandsaufnahme des Werks dient als Referenz und am Ende der durchgeführten Arbeiten zur Archivierung. Ziel des Projekts ist es, der Intention des Künstlers entsprechend die grösstmögliche Bewegungsvielfalt des Werks zu erhalten. Gleichzeitig soll das Risiko für das Originalmaterial so gering wie möglich gehalten werden. Nach den erfolgten konservatorischen und restauratorischen Massnahmen kann entschieden werden, wie genau und unter welchen Voraussetzungen Safari am Umzug am 3. September in Fribourg fahren wird.

Restaurierungsarbeiten an Jean Tinguelys Safari (1989) © 2016 Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr
Jean Tinguely arbeitet im Atelier „La Verrerie“ an der Fertigstellung von Le Safari de la Mort Moscovite (1989), Progens, 1989 © Foto: Leonardo Bezzola, Bätterkinden

Entstehungs- und Ausstellungsgeschichte von Tinguelys „Fahrskulptur“ Safari

Safari entstand 1989 in Jean Tinguelys Atelier „La Verrerie“ bei Progens im Kanton Fribourg (CH) für die grosse Retrospektive im Zentralen Haus des Künstlers in Moskau (03.04. – 02.05.1990). Tinguely baute die „Fahrskulptur“ auf einem „Renault 5“ auf. Der Titel Safari bezeichnet einerseits ein früher von Renault produziertes Sondermodell des R5, andererseits spielt er auf die vielen Tierschädel an, die Bestandteile des Werks sind. Auf dem ausrangierten „Renault 5“ hat Tinguely in Zusammenarbeit mit seinem damaligen Assistenten Seppi Imhof eine kinetische Konstruktion aus grossen Holzrädern montiert, an der auch einige Tierschädel und andere Fundobjekte befestigt sind. Bekrönt wird die kinetische Konstruktion von einer Sense, Gerät des „Sensemanns“ und Symbol des Todes. War beim Klamauk (1979) noch die vergnügliche, unbeschwerte Seite die bestimmende, so ist es hier viel stärker die dunkle, von Tod und Endzeit geprägte. Das Auto selbst wird zum Sinnbild des Todes. Mit der Verwendung des Autos, einem Statussymbol unserer Konsumgesellschaft, wollte Tinguely die in der Zeit des zunehmenden Perestrojka-Klimas nach Wohlstand strebenden russischen Besucher auf die Vergänglichkeit der westlichen Luxusgüter aufmerksam machen. Obwohl Tinguely Safari für seine grosse Moskauer Ausstellung 1990 konzipiert hatte, war er zum ersten Mal am 1. September 1989 in der Freitagsgalerie in Solothurn zu sehen, die Seppi Imhof mit seinem Bruder Rolf seit 1975 betreibt. Im März 1990 verliess Safari auf einem Konvoi mit drei grossen Lastwagen mit vielen anderen Werken Tinguelys das Fribourger Atelier des Künstlers in Richtung Moskau. Nach der grossen Ferdinand Hodler-Schau im Jahr 1988 war die Tinguely-Ausstellung der zweite kulturelle Grossanlass, den die Kulturstiftung Pro Helvetia zur Förderung der Präsenz Schweizer Kunstschaffender in der Sowjetunion organisiert hatte. Je nach Rubelkurs kostete der Eintritt zwischen dreissig Rappen und drei Franken. Seppi Imhof drehte tagsüber zur Freude vieler Schaulustiger gelegentlich ein paar Runden mit Safari um das Ausstellungsgebäude. Der Künstlerassistent erzählte dem Fotografen Leonardo Bezzola, dass er einmal nachts bis zum Roten Platz vorgedrungen sei. Bezzola, der damals auch in Moskau weilte, bezweifelt allerdings diese Geschichte: „Zeugen fehlen. Ob es nur ein Traum war?“ 

Tinguely soll den Wunsch geäussert haben, dass Safari nur im Schnee fahren solle, am liebsten auf dem Roten Platz, dem weltberühmten Wahrzeichen der russischen Metropole. Da in Moskau zur Zeit des Ausstellungsbeginns kein Schnee lag, realisierte Bezzola eine Fotomontage, die die Autoskulptur vor der Kulisse des verschneiten Roten Platzes zeigt. Die Moskauer Schau war ein Riesenerfolg und wurde in etwas abgewandelter Form vom 03.02. bis 07.04.91 im Museum für Kunst und Geschichte in Fribourg (CH) gezeigt. Am Tag dieser Eröffnung drehte Safari mit Kunstschnee berieselt einige Runden im Garten des Ratzehofes, unter dessen Arkaden ein grosses Vernissagefest mit einem Buffet der Familie Luginbühl gefeiert wurde. Zur grossen Freude des Künstlers fiel im Februar wirklich Schnee und bedeckte die im Garten vor dem Museum präsentierten Werke, darunter auch Safari und L‘Ours de Bursinel (1990) mit einer weissen Schicht.

Nach dem Tode Tinguelys war Safari im Sommer 1993 in den Fabrikhallen der „Fours à Chaux“ in St. Ursanne anlässlich des 50. Jubiläums des Bergautorennens St. Ursanne – Les Rangiers zusammen mit anderen späteren Arbeiten ausgestellt. Seit der Eröffnung des Museum Tinguely im Jahr 1996 bis heute war Safari mehrere Male in der Sammlungspräsentation in Basel zu sehen. Im Rahmen zweier Tinguely-Ausstellungen wurde das Kunstwerk in der Mannheimer Kunsthalle (2002) und in der Kunsthal Rotterdam (2007/2008) gezeigt.