Labouring
Bodies

Ernestyna Orlowska, «Make Your Body Your Machine», 2021. © Ernestyna Orlowska. Foto: Margot Roth

Labouring Bodies

10. Juni 2026 – 8. November 2026

Labouring Bodies untersucht aus feministischer Perspektive die vielschichtigen Beziehungen zwischen Körper und Technologie. Sie beleuchtet, wie insbesondere weibliche Körper seit der Moderne durch Maschinen geprägt und kontrolliert wurden. Im Zentrum stehen arbeitende, sorgende und gebärende Körper, die bis heute unsichtbar bleiben und in der Geschichte systematisch ignoriert wurden. Dabei greift der Ausstellungstitel mit der Doppeldeutigkeit von «labouring» als Lohnarbeit und Gebären die enge Verflechtung von Arbeit (Produktion) und biologischer Fortpflanzung (Reproduktion) auf. Die Ausstellung bietet die Möglichkeit, Kunst vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart aus einem neuen Blickwinkel zu entdecken und zentrale gesellschaftliche Fragen zu Körper, Arbeit und Fürsorge zu reflektieren. Welchen Einfluss hat die Mechanisierung auf unser Leben und unsere Arbeitswelt? Welche Formen von Arbeit werden entlohnt – und welche bleiben unsichtbar? Und wie gerecht ist die Verteilung jener Arbeit, die unsere Gesellschaft trägt?

>> Zum Ausstellungskatalog


Künstler:innen: Berenice Abbott, Monira Al Qadiri, Rosa Barba, Clara Bausch, Alexandra Bircken, Thomas Brinkmann, Daniela Brugger, Ursula Burghardt, Feliza Bursztyn, CATPC, Mbuku Kimpala, Helen Chadwick, Sella Hasse, John Heartfield, Pati Hill, Rebecca Horn, Juliana Huxtable, Doruntina Kastrati, Mary Kelly, Aurora Király, Kiki Kogelnik, Azade Köker, Suzanne Lacy, Magda Langenstraß-Uhlig, Alice Lex-Nerlinger, Elisabeth Niggemeyer, Ani Liu, Lee Lozano, Alexandra Navratil, Katja Novitskova, Ernestyna Orlowska, Frida Orupabo, Heiner Ranke, Margaret Raspé, Tabita Rezaire, Evelyn Richter, Niki de Saint Phalle, Marilou Schultz, Jean Tinguely, Ruth Wolf-Rehfeldt, Doris Ziegler

 Alexandra Navratil, The Night Side (Videostill), 2016, HD-Video. Courtesy the artist. © Alexandra Navratil

Ausgehend von der engen Verbindung von Mensch und Maschine, wie sie das Industriezeitalter charakterisiert, richtet die Ausstellung den Blick bewusst weg von der dominanten Figur des männlichen Arbeiters hin zu jenen Körpern, die in Kunst und Theorie lange übersehen wurden. Ein prägnantes Beispiel bietet Alexandra Navratils Film The Night Side (2016): Statt der erwarteten Dynamik industrieller Produktion zeigt sich hier die behutsame, beinahe intime Berührung von Maschinenteilen durch die Hand einer ehemaligen Arbeiterin. Diese Geste verweist auf eine alternative Erzählung von Arbeit – eine, die nicht von Effizienz, sondern von Erfahrung, Erinnerung und Körperlichkeit geprägt ist.

Die Ausstellung versammelt 36 historische und zeitgenössische künstlerische Positionen, die die Mechanisierung des Körpers in unterschiedlichen Kontexten sichtbar machen. Fotografien von Evelyn Richter zeigen Arbeiterinnen in Webereien, deren Körper von Maschinen dominiert werden, während Azade Kökers Skulptur Akkordarbeiterin (1987) die Fragmentierung des Körpers durch industrielle Arbeitsprozesse thematisiert. Zeitgenössische Arbeiten wie Doruntina KastratiA Horn That Swallows Songs (2025) oder Ernestyna Orlowskas Performance Make Your Body Your Machine (2021-heute) führen diese Fragestellungen in die Gegenwart und beleuchten neue Formen der Prekarisierung in globalisierten Arbeitsverhältnissen.

Helen Chadwick, In the Kitchen (Stove), 1977. Courtesy the Estate of Helen Chadwick and Richard Saltoun Gallery, London, Rome and New York. © The Estate of Helen Chadwick. Foto: Courtesy the Estate of Helen Chadwick and Richard Saltoun Gallery

Ein besonderer Fokus liegt auf der Weitung des Blicks auf verschiedene Formen von  Arbeit: Labouring Bodies thematisiert nicht nur bezahlte Lohnarbeit, sondern auch unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als zentrale, jedoch oft unsichtbare Grundlage wirtschaftlicher Systeme. Schon seit den 1970er Jahren hinterfragten Künstlerinnen der sogenannten zweiten Welle des Feminismus die kapitalistischen Produktivitätsvorstellungen und die Dichotomie von bezahlter Lohn- und unbezahlter Sorgearbeit. Beispielsweise zeigte Mary Kelly 1974 eine Doppelfilmprojektion, in der sie Aufnahmen aus der Produktion in einer Metalldosenfabrik Filmbildern ihres schwangeren Bauchs gegenüberstellte. Diese bisher nur einmalig gezeigte Installation, wird im Rahmen von Labouring Bodies erstmals rekonstruiert. Künstlerinnen wie Margaret Raspé machten in ihren Arbeiten die Monotonie und Endlosigkeit häuslicher Routinen sichtbar, während Helen Chadwicks Performance In the Kitchen (1977) die Apparatisierung von Hausarbeit kritisch hinterfragt und den weiblichen Körper als Teil eines technischen Dispositivs inszeniert. Wenig bekannt ist, dass bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Künstlerinnen wie Alice Lex-Nerlinger und Sella Hasse die doppelte Ausbeutung der weiblichen Arbeiterin in ihrer Kunst sozialkritisch reflektierten.

Frida Orupabo, Baby in belly, 2020. Courtesy Collezione Sandra e Giancarlo Bonollo. © Frida Orupabo. Fotocredit: Courtesy of the artist, Stevenson Cape Town | Amsterdam, Foto: Mario Todeschini

Der «labouring body» ist auch im Sinne der biologischen Reproduktion als gebärender Körper zu verstehen. Ein zentraler Ausgangspunkt stellt hierfür die Installation HON von Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt im Moderna Museet in Stockholm (1966) dar. Diese stellte den weiblichen Körper als ein maschinelles Konglomerat von Technologie und Medien aus. Ani Liu und Katja Novitskova zeigen, wie gegenwärtig Reproduktionsarbeit technisiert wird und fragen welche unheimlichen Formen zukünftige Fürsorge annehmen könnten. Diese Perspektive wird mit Arbeiten von Juliana Huxtable, Frida Orupabo und Tabita Rezaire ergänzt, die die Kontrolle über den weiblichen, besonders auch Schwarzen Körper und seine reproduktiven Fähigkeiten thematisieren.

Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt, HON, Moderna Museet in Stockholm, 1966; Foto: Hans Hammarskiöld, © Hans Hammarskiöld Heritage

Entlang spezifischer technischer Geräte und Maschinen geht die Ausstellung auf die geschlechtliche Zuordnung von maschinellen und repetitiven Arbeiten an Schreib- und Rechenmaschinen, Kopieren und Computern ein. In Arbeiten von Rebecca Horn (Erika, 1992), Feliza Bursztyn, Ruth Wolf-Rehfeldt und Jean Tinguely (Olympia, 1960) wird die Schreibmaschine als historisches Symbol weiblicher Büroarbeit und als künstlerisches Medium neu lesbar und der weiblich codierte Arbeitskörper mit mechanischen Apparaturen verbunden.

Darüber hinaus verfolgt die Ausstellung die Verbindung von Textilproduktion und digitaler Technologie. Während aber Weben als weiblich kodierte Kulturtechnik galt, erscheinen Maschinen und Computertechnologie als männlich determiniert. Die Beiträge von Frauen, wie beispielsweise jener der Mathematikerin Ada Lovelace (1815–1852) zur Technikgeschichte des Digitalen und des Computers, wurden lange unterschlagen. Bevor es «den Computer» als technisches Gerät für Berechnungen gab, waren «die Computer» vor allem Frauen. Rosa Barba widmete ihre Arbeit Send Me Sky, Henrietta (2018) Henrietta S. Leavitt (1868–1921), die als «human computer» arbeitete und mit ihren Berechnungen eine Möglichkeit zum Messen von Distanzen im Universum entdeckte. Die miteinander verflochtene Geschichte von Webstuhl und Computer manifestiert sich auf besondere Weise in dem für die Ausstellung neu entstandenen Navajo-Weaving von Marilou Schultz, das visuell von Computerchips inspiriert ist und zugleich an die Beschäftigung von Navajo-Arbeiterinnen bei der Herstellung dieser Komponenten in der frühen Computerindustrie der USA erinnert.

Evelyn Richter, Kammgarnspinnerei. Markkleeberg, 1970, Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig. © Evelyn Richter Archiv (Reproduktionsrecht, Print); 2026 ProLitteris (Onlinerecht)

Daniela Brugger, muddy codes & soft infrastructures (Version Langenthal), 2025, Installationsansicht Kunsthaus Langenthal. Courtesy of the artist. © Daniela Brugger. Foto: Kunsthaus Langenthal, Cedric Mussano

Die Ausstellung führt diese historischen Linien bis in die Gegenwart fort und richtet den Blick auch auf die unsichtbare Datenarbeit, die von Millionen von Menschen weltweit ausgeführt wird. Daniela Bruggers muddy codes and soft infrastructures (2026) vermittelt die psychischen und sozialen Auswirkungen dieser neuen Formen der Arbeit, die ihren Vorläufer in der Heimarbeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat.

Labouring Bodies knüpft an zentrale Fragen des aktuellen Kunstdiskurses und wichtige Ausstellungen der letzten Jahre an und entwickelt deren Ansätze gezielt aus einer feministischen Perspektive weiter. Dabei steht eine kritische Neubetrachtung gegenwärtiger Körperdiskurse, die vereinfachende Lesarten – etwa eine unreflektierte Verschmelzung von Mensch und Maschine – bewusst hinterfragt, im Mittelpunkt. Damit setzt die Präsentation auch die Auseinandersetzung des Museum Tinguely mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine fort, die in vielen Ausstellungen des Museums mitschwingt und zuletzt explizit 2010 mit Roboterträume thematisiert wurde, und beschäftigt sich wie Territories of Waste (2022/2023) mit den materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft.

Mit Labouring Bodies positioniert sich das Museum Tinguely als Ort, an dem die Auseinandersetzung mit Maschine und Bewegung um eine dringend notwendige gesellschaftspolitische Dimension erweitert wird. Die Ausstellung versteht Mechanisierung nicht als abgeschlossenen historischen Prozess, sondern als fortdauernde Dynamik, die Körper formt, hierarchisiert und zugleich Räume für künstlerischen Widerstand eröffnet. Indem sie Werke vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart miteinander in Dialog bringt, bietet Labouring Bodies neue Perspektiven auf die Geschichte der Moderne an – und stellt zentrale Fragen an unsere Gegenwart.

Zur Ausstellung gibt es ein umfassendes Begleitprogramm.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Dr. Sandra Beate Reimann.

Lee Lozano, untitled, ca. 1964. Privatsammlung. Courtesy Hauser & Wirth Collection Services © The Estate of Lee Lozano, Courtesy Hauser & Wirth

 

 

Zur Ausstellung ist ein farbig illustrierter Katalog erschienen. Dieser umfasst einen kuratorischen Essay sowie Werkbeschreibungen zu den in der Ausstellung vertretenen künstlerischen Positionen. Neben der Printversion ist der Katalog auch hier als PDF-Download verfügbar.

 

 

 

 

Monira Al Qadiri, Alien Technology (Diamond), 2023. Courtesy the artist, commissioned by Kunsthaus Bregenz. © Monira Al Qadiri. Foto: Markus Tretter

Veranstaltungsprogramm

Vernissage & Sommerfest mit Performance von und mit Ernestyna Orlowska
>> 9.6.2026, 18.30 Uhr
Freier Eintritt, ohne Anmeldung


Curator's Tour mit Dr. Sandra Beate Reimann
>> 2.7.2026, 18.30 Uhr
Freier Eintritt, ohne Anmeldung, auf Englisch
 

Performance: Glocken – Wolle nach Margaret Raspé
Re-Enactment mit Clara Bausch, Künstlerin: Beim Zupfen von Rohwolle mit auf die Finger gesteckten Glocken entstehen durch die rhythmischen Handbewegungen Klänge.
>> 16.7.2026, 18 Uhr
Freier Eintritt, ohne Anmeldung, Dauer 20 Min.
>> 29.8.2026, 15 Uhr
Kosten: Museumseintritt, ohne Anmeldung, Dauer 20 Min.


Sound Bar
mit Daniela Brugger, Künstlerin der Ausstellung
>> 27.8.2026, 18–22.30 Uhr
Freier Eintritt


Eifach gstriggt
Offenes Treffen für alle mit Strick und Garnprojekten während der Sound Bar. Bring dein Garnprojekt und eine Picknickdecke mit und lerne andere Crafties kennen.
27.8.2026, 18 Uhr 
Freier Eintritt


Artist Lecture: The Then and Now of Marilou Schultz: Textile Artist
by Marilou Schultz, Diné weaver from Navajo Nation
in Kooperation mit Art of Intervention
>> 29.8.2026, 14 Uhr
Kosten: Museumseintritt, ohne Anmeldung, auf Englisch


Performance | Ernestyna Orlowska: Make Your Body Your Machine
zum maschinengewordenen Körper als Symptom der Gig Economy.
>> 29.8.2026, 16 Uhr
Freier Eintritt, ohne Anmeldung, Dauer: ca. 20 Min.


Talk: Arbeitswelten von Uhrmacherinnen
Mit Dr. Florian Eitel, Historiker, Kurator am Neuen Museum Biel und Livia Grossenbacher, freischaffende Journalistin und Podcasterin. Moderation: Christophe Schneider, Wissenschaftsvermittler, konzipiert und veranstaltet vom Verein für Wissenskultur, science+fiction
>> 3.9.2026, 18-20 Uhr
Freier Eintritt, ohne Anmeldung, auf Deutsch
 

Extra Muros | Filmscreening Stadtkino
Conceiving Ada (USA 1997) von Lynn Hershman Leeson with an introduction by Dr Sadie Plant, philosopher and author of Zeros and Ones, Digital Women and the New Technoculture, on Ada Lovelace followed by a Q&A, in English.
>> 16.9.2026, 18.30 Uhr
Ort: Stadtkino Basel, Kosten: Eintritt Stadtkino, auf Englisch (OmEU, 85 Min.)


Vortrag | Care Ökonomie in der Schweiz: Annäherung einer Ökonomin
von Mascha Madörin, Ökonomin
>> 17.9.2026, 18.30-19.30 Uhr
Freier Eintritt, ohne Anmeldung, auf Deutsch


Bastel-Bar
>> 17.9.2026, 20-22.30 Uhr
Kosten: 10 CHF (inkl. ein Getränk), weitere Getränke zum Studipreis, Anmeldung erforderlich


Extra Muros | Performance Kaserne Basel
Yuck Miranda thematisiert in seinem neuen Stück GAYisa die Lebensbedingungen mosambikanischer Minenarbeiter:innen in Südafrika.
24.& 25.9.2026, jeweils 20 Uhr
Ort: Kaserne Basel, Kosten: 15/25/35 CHF


Talk and Artist Conversation | Fabric and Time: The Textile Industry in Historiography and Art
by Dr. Antonia von Schöning, Historian of Culture and Technology, Universität Basel, followed by a roundtable conversation with the artist Aurora Király and Olga Osadtschy, Director Fondation Fernet-Branca. Moderation: Dr. Sandra Beate Reimann
>> 14.10.2026, 18.30–19.30 Uhr
Ort: Museum Tinguely, freier Eintritt


Film Screening : Night for Day
Night for Day by Emily Wardill (45 min.) followed by a Q&A with the artist (in English), in conjunction with the symposium «Energetic Transfers», 22–24 October 2026, organized by Dr. Alena J. Williams, Professor for Theory and Mediation of Contemporary Art, Akademie der bildenden Künste Wien and 2026 NOMIS Fellow | eikones – Zentrum für die Theorie und Geschichte des Bildes.
22.10.2026, 18.30–20 Uhr
Freier Eintritt
 

Familiensonntag
>> 25.10.2026, 11.30–17 Uhr
Kosten: Museumseintritt
Familiensonntage sind inklusive Angebote

 

Extra Muros | Führung Fondation Fernet-Branca
mit Olga Osadtschy, Direktorin Fondation Fernet-Branca, und Dr. Sandra Beate Reimann durch die Ausstellung Aurora Király: Parcours de regards
>> 7. 11.2026, 16 Uhr
Ort: Fondation Fernet-Branca, Kosten: Ausstellungseintritt, auf Deutsch/Französisch

 
Finissage
15 Uhr Performance Glocken – Wolle nach Margaret Raspé

Re-Enactment mit Clara Bausch, Künstlerin: Beim Zupfen von Rohwolle mit auf die Finger gesteckten Glocken entstehen durch die rhythmischen Handbewegungen Klänge.
>> 8.11.2026, 15 Uhr
Dauer ca. 20 Min. Kosten: Museumseintritt
16–17 Uhr Curator’s Tour mit Dr. Sandra Beate Reimann
>> 8.11.2026, 16 Uhr
Kosten: Museumseintritt
17 Uhr Performance von und mit Ernestyna Orlowska
Make Your Body Your Machine zum maschinengewordenen Körper als Symptom der Gig Economy.
>> 8.11.2026, 17 Uhr
Dauer ca. 20 Min., freier Eintritt