#1: JEAN TINGUELY, Relief Méta-mécanique sonore II, 1955, Museum Tinguely, Basel. #2: JEAN TINGUELY, Wundermaschine, Méta-Kandinsky I, 1956, Museum Tinguely Basel. Fotos Christian Baur

1950er-Jahre

Mit seinen kinetischen Werken belebte und revolutionierte der in Basel aufgewachsene Jean Tinguely (1925–1991) in den fünfziger und sechziger Jahren als Teil der Pariser Avantgarde den «statischen» Kunstbetrieb.

Aus alltäglichen Materialien wie Eisendraht, Weissblech und Farbe konstruiert Tinguely zu Beginn der 50er Jahre bewegliche abstrakte Konstruktionen, die sich auf Basis eines Zahnradmechanismus mit Handkurbeln in Bewegung setzen lassen.
1954 stellt der Künstler in Paris seine ersten motorbetriebenen Reliefs aus, die er später «Méta-mécaniques» nennen wird.

Mit Hilfe von Rollen, Treibriemen und Elektromotoren bewegen sich geometrische Metallelemente in unterschiedlicher Geschwindigkeit vor einfarbig gestrichenen Holzplatten und bilden ständig neue, zufällige Kompositionen.

In Paris konzipiert Tinguely mit Abfallmaterialien 1955 seine ersten Lautreliefs, die abstrakte Geräusche erzeugen.

1959 beginnt er die Arbeit an den «Méta-Matics», motorbetriebene Zeichenmaschinen, mit denen der Benutzer automatisch abstrakte Kunstwerke herstellen kann.

#1: JEAN TINGUELY, Ballet des Pauvres, 1961, Museum Tinguely, Basel. #2: JEAN TINGUELY, Ecrevisse, 1962, Museum Tinguely, Basel. #3: JEAN TINGUELY, Klamauk, 1979, Museum Tinguely, Basel, Donation Niki de Saint Phalle. Fotos Christian Baur

1960er- bis 1970er-Jahre

1960 realisiert Tinguely im Garten des Museum of Modern Art in New York die aus Schrott bestehende «Homage to New York», die sich in einer Aufsehen erregenden Aktion selbst zerstört.

In der ersten Hälfte der 60er Jahre arbeitet der Künstler vor allem mit Alteisen und Fundobjekten (objets trouvés). Es entstehen Werke wie «Le Ballet des pauvres» und die Reihe der «Balubas», motorisierte Abfallplastiken, deren bunte, «chaotisch» zusammengebauten Bestandteile durch wilde, ruckartige Bewegungen unter grossen Lärm hin und her geschüttelt werden.

Der Künstler konstruiert in dieser Zeit eine Reihe von Maschinenskulpturen, deren aggressive wie auch exzentrische Bewegungen und Geräusche den Betrachter erschrecken und gleichzeitig zum Lachen bringen.

Mit seinen «Chars» – sich vor und zurück, nach links und rechts, auf und ab bewegende Wagenskulpturen – kreiert der Künstler Werke, die wie Sisyphus dazu verdammt sind, ihre ziel- und sinnlose Tätigkeit immer wieder von vorne zu beginnen.

Eine wichtige Wende tritt 1963 ein. Tinguely streicht nun seine Skulpturen einheitlich schwarz an und hebt damit ihre formalen, plastisch-skulpturalen Qualitäten hervor. Eine solidere Bauweise und der Einsatz von Kugellager erlaubten Tinguely zudem das Experimentieren mit der Kombination von Schaukel-, Kreis- und Drehbewegungen in den «Bascule»- und «Eos»- Skulpturen.

«Klamauk» aus dem Jahr 1979 ist ein Werk mit «multidimensionalen» Eigenschaften: auf einem Traktor montiert, verwirklicht Tinguely damit seine Idee einer fahrbaren, Geräusche erzeugenden sowie rauchenden und stinkenden Maschinenskulptur.
#1: JEAN TINGUELY, Lola T. 180 - Mémorial pour Joakim B., 1988, Museum Tinguely, Basel, Donation Niki de Saint Phalle. #2: JEAN TINGUELY, Méta-Harmonie IV, Fatamorgana, 1985, Museum Tinguely, Basel. #3: JEAN TINGUELY, Der Rammbock, Mengele Totentanz, 1986, Museum Tinguely, Basel. Fotos Christian Baur

Spätwerk

Mit den farbenfrohen «Méta-Harmonien», bei denen es sich um monumentale «Tonmischmaschinen» handelt, entwickelt Tinguely seine schon in den 50er Jahren realisierten Lautreliefs weiter. Ihre formale und akustische Vielfalt fordert den Besucher auf, die mechanischen Zusammenhänge durch Umschreiten der Maschine zu erkunden.

In der 1987 entstandenen «Grossen Méta Maxi-Maxi Utopia» verwirklicht Tinguely seine Vision, aus den unterschiedlichsten alltäglichen Materialien eine begehbare, poetisch-utopische Traumwelt zu bauen. Neben der fröhlichen Welt der «Méta-Harmonien» wird in den 80er Jahren aber auch die Vergänglichkeit, der Tod, zu einem wichtigen Bestandteil Tinguelys Arbeit.

«Lola T. 180» gehört zu der Reihe der beweglichen Flügelaltäre, an denen Tinguely seit 1981 arbeitet.

Die eindrücklichste Arbeit ist der «Mengele-Totentanz», der 1986 aus den Überresten eines abgebrannten Bauernhofes entstand.

Die Figuren dieser Werkgruppe vergegenwärtigen sowohl durch ihr Aussehen, als auch durch die ächzend-gierenden Geräusche die Unausweichlichkeit des Todes.