Impasse Ronsin. Mord, Liebe und Kunst im Herzen von Paris

Jean Tinguely und Claude Lalanne, Impasse Ronsin, ca. 1960 Foto: Joggi Stoecklin, © 2020/2021 Museum Tinguely, Basel

Museum Tinguely, 16. Dezember 2020 – 29. August 2021

Die Impasse Ronsin inmitten des Pariser Montparnasse Quartiers war eine einzigartige Künstlersiedlung und über 100 Jahre bekannt als Ort der Kunst, der Kontemplation, des Gesprächs, der Feier, der Innovation, Kreation und Destruktion.  Sie war geprägt von einer Vielfalt an künstlerischen Identitäten, die keinesfalls nur avantgardistisch waren, sondern die ein überaus breites Spektrum auszeichnete, mit Künstlerinnen und Künstlern wie Constantin Brâncusi, Max Ernst, Marta Minujín, Eva Aeppli, Niki de Saint Phalle, Larry Rivers bis zu André Almo Del Debbio oder Alfred Laliberté. 

Diese erste umfassende Museumsausstellung, die der Impasse Ronsin gewidmet ist, präsentiert über 50 Künstler*innen mit über 200 Werken, die alle an diesem magischen Ort entstanden sind. Ein Ausstellungsparcours mit Räumen, die in Anlehnung an den Originalplan angeordnet sind, überrascht mit einer Melange aus Kunstwerken und Geschichten, wie sie in dieser Art zuvor noch nie zu sehen war, und lässt die Stadt Paris als Schmelztiegel und weltgewandte Kunststadt neu aufleben.


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Die Impasse Ronsin bestand als Künstlersiedlung im Pariser Montparnasse-Quartier von 1886 bis 1971. Zunächst arbeiteten und lebten nur wenige Künstler*innen in den Häusern auf der rechten Seite der Strasse, bis dann Ende des 19. Jahrhunderts der französische Bildhauer Alfred Boucher auf dem Grundstück der Nr. 11 etwa 30 Ateliers errichtete, die fortan von Künstlern und Künstlerinnen aus aller Welt genutzt wurden. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten und arbeiteten stets etwa 30 Personen in der Impasse. In der Folge der Erweiterung des benachbarten Krankenhauses Hôpital Necker wurden es ab 1942 kontinuierlich weniger Bewohner.

Einen skandalumwitterten Ruf erwarb sich die Impasse Ronsin 1908, als sich im Haus Nr. 8 ein Doppelmord an einem Künstler und seiner Schwiegermutter ereignete. Die dringend verdächtigte Gemahlin des ermordeten Adolphe Steinheil, die zehn Jahre früher als Mätresse des französischen Präsidenten Felix Faure zu zweifelhaftem Ruhm gekommen war, wurde in einem spektakulären Prozess freigesprochen.

Postkarte der Impasse Ronsin, Ende 19. Jahrhundert

Postkarte der Impasse Ronsin, Ende 19. Jahrhundert

Alfred Boucher, Modèle nu dans l’atelier, 1884 (Collection privée)

Alfred Boucher, Modèle nu dans l’atelier, 1884 (Collection privée)

Alfred Boucher, Bildhauer und Maler, war einer der frühen Künstler in der Impasse Ronsin. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hielten zunehmend Künstler aus Amerika Einzug: die amerikanischen «Animaliers» Eli Harvey oder Alexander Phimister Proctor, der mexikanische Bildhauer Fidencio Lucano Nava oder aus Kanada der Maler Marc-Aurèle de Foy Suzor-Côté und der Bildhauer Alfred Laliberté. Sie verliehen der Impasse Ronsin einen internationalen Ruf als kreativen Ort im Herzen von Paris.

Reginald Pollack, Untitled, 1948 Öl auf Leinwand, 56 × 41 cm Collection of Pollock Fine Art © beim Künstler oder Rechtsnachfolgern

Reginald Pollack, Untitled, 1948 Öl auf Leinwand, 56 × 41 cm Collection of Pollock Fine Art © beim Künstler oder Rechtsnachfolgern

Der prominenteste Künstler und gleichzeitig einer der am längsten dort tätigen war der rumänische Bildhauer Constantin Brâncusi, der von 1916 bis zu seinem Tod 1957 in der Impasse Ronsin wohnte und arbeitete. Er belegte am Schluss fünf zusammengelegte Ateliers und schuf hier nicht nur seine Werke, sondern mit der Einrichtung seiner Räume ein bleibendes Monument seiner Kunst und gleichzeitig für die Siedlung. Die Ateliers von Brâncusi sind heute vor dem Centre Pompidou rekonstruiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam eine neue Generation amerikanischer Künstler in die Impasse Ronsin. Junge abstrakte Expressionisten, oft über die G.I. Bill finanziert, wie Reginald Pollack oder Oscar Chelimsky, belebten nicht nur die Sackgasse, sondern mit selbstverwalteten Galerien wie der Galerie Huit (1950–52) auch die Kunstszene in Paris. Im Zusammenspiel mit schon länger ansässigen Künstler* innen wie Joseph Lacasse oder Marie-Thérèse Clément prägten sie das Leben in der Siedlung in den 1950er und 1960er Jahren nachhaltig.

Jean Tinguely traf mit seiner Frau Eva Aeppli 1955 in der Impasse ein. In kürzester Zeit knüpfte er Kontakte mit anderen Künstler*innen der Siedlung. Schon bald kaufte er zusammen mit Claude und François-Xavier Lalanne und James Metcalf einen Schweissapparat und schuf in kurzer Zeit in einem regelrechten Schaffensrausch die Grundlage für sein gesamtes Œuvre: die frühen Reliefs, die ersten Machines à dessiner (1955), denen 1959 eine ganze Serie von Zeichenmaschinen folgte, die Kollaborationen mit Yves Klein von 1958 und vieles mehr.

James Metcalf, Frustrated Machine, 1960/61 Kupfer getrieben und geschweisst, 84 × 40 × 30 cm Collection particulière, Paris, Photo © 2020 Galerie les Yeux Fertiles, Paris © the artist

James Metcalf, Frustrated Machine, 1960/61 Kupfer getrieben und geschweisst, 84 × 40 × 30 cm Collection particulière, Paris, Photo © 2020 Galerie les Yeux Fertiles, Paris © the artist

François-Xavier Lalanne sitzend in seinem Atelier, ca. 1959 ​​​​​​​Foto: Joggi Stoecklin, © 2020/2021 Museum Tinguely, Basel

François-Xavier Lalanne sitzend in seinem Atelier, ca. 1959 Foto: Joggi Stoecklin, © 2020/2021 Museum Tinguely, Basel

James Metcalf kam ein Jahr¨nach Tinguely in der Impasse an – und blieb bis 1965. Der amerikanische Bildhauer, der nicht nur über eine überbordende Kreativität, sondern auch über fundierte Material- und Technik-Kenntnisse verfügte, wurde zu einer wichtigen Figur, indem er seine Künstlerfreunde und -freundinnen, zu denen die Lalannes, Jean Tinguely oder der später eingetroffene Larry Rivers gehörten, in spirierte und zu neuen Techniken führte. Claude Lalanne praktizierte wohl erstmals die Technik des Galvanisierens bei Metcalf – zu ihren ersten Modellen zählt die Hand von Jean Tinguely.

Eva Aeppli in der Impasse Ronsin, 1959 Foto: Joggi Stoecklin, © 2020/2021 Museum Tinguely, Basel

Eva Aeppli in der Impasse Ronsin, 1959 Foto: Joggi Stoecklin, © 2020/2021 Museum Tinguely, Basel

Das Leben in der Impasse wurde unter anderem vom Basler Joggi Stoecklin festgehalten, der als junger Fotograf 1955 Eva Aeppli und Jean Tinguely in die Impasse folgte und der hier bis Ende der 1950er eine Vielzahl von Fotos der beiden Künstler, ihrer Werke, ihres Ateliers wie auch der Ateliersiedlung machte. Seine Fotos dokumentieren das Leben, die Kunst und das Schaffenen in diesen fünf Jahren aus Sicht eines Mitbewohners – wie hier Eva Aeppli beim «Schlachten» eines Kohlkopfes.

Seit 1954 und bis zum endgültigen Abriss der letzten Ateliers 1971 betrieb der Bildhauer André Almo Del Debbio ein Atelier, in dem er Studierende aus aller Welt empfing und sie in den verschiedenen Techniken der Bildhauerei unterrichtete. Es entwickelte sich in unmittelbarer Nähe zu Constantin Brâncusi oder James Metcalf ein Studienbetrieb, der dem Bild von Paris als Stadt der Kunst fast modellhaft entsprach.

Niki de Saint Phalle, die seit 1960 mit Jean Tinguely liiert war, führte in der Impasse Ronsin ihre ersten Schiessaktionen durch. Diese, aber auch andere Aktionen wie Armans Zerstörung einer Violine (1961) oder Marta Minujíns Verbrennung ihres gesamten Werks (1963), liessen die Impasse zum Schauplatz künstlerischer Aktion und zum lebendigen Ort der Avantgarde werden.

Atelier Del Debbio mit Studierenden, 1970 F​​oto: Jean Fage, Paris

Atelier Del Debbio mit Studierenden, 1970 F​​oto: Jean Fage, Paris

Der Blick auf die Impasse Ronsin war schon in der Zeit, als sie bestand, oftmals romantisch verklärt, was sich später noch akzentuiert hat. Die Ausstellung ist der Vielfalt der künstlerischen Kreation in der Impasse gewidmet, es sind nicht nur die arrivierten Künstler wie Brâncusi, Max Ernst, William N. Copley, Eva Aeppli oder Niki de Saint Phalle vertreten, sondern auch Studierenden aus dem Atelier Del Debbio und andere, heute oft weitgehend vergessene Künstler*innen aus einem Jahrhundert Impasse Ronsin. 

Die Ausstellung wurde kuratiert von Adrian Dannatt und Andres Pardey.

Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in deutscher sowie englischer Sprache, Buchpreis im Museumsshop oder online: 42 CHF // ISBN (DE) 978-3-96900-017-5.

Jeanne Hillairet de Boisferon Ray, Ateliers Impasse Ronsin – allée ateliers Del Debbio, 1969 (collection privée)

Jeanne Hillairet de Boisferon Ray, Ateliers Impasse Ronsin – allée ateliers Del Debbio, 1969 (collection privée)