Écrits d’Art Brut – Wilde Worte & Denkweisen

Pascal Vonlanthen, «Moteur», 2019, Tusche auf Papier; 70 x 100 cm © CREAHM, Villars-sur-Glâne

Écrits d’Art Brut – Wilde Worte & Denkweisen
20. Oktober 2021 – 23. Januar 2022

In einer umfassenden Gruppenausstellung zeigt das Museum Tinguely die Vielfalt der Schriftbilder von 13 internationalen Art Brut-Kunstschaffenden. Meist am Rande der Gesellschaft, in Isolation oder ausgegrenzt lebend, kreieren sie in ihrer eigenen Welt ohne zu wissen, dass sie sich in Sphäre der bildenden Kunst bewegen. Auf verschiedensten Untergründen werden Zeichen hinterlassen, Stoffe bestickt oder auf Mauern gemalt.

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Liebeserklärungen, Wutbriefe, Gedichte, Gebete, erotische Botschaften, Plädoyers, tagebuchartige Aufzeichnungen und utopische Erzählungen: Die oft kaum bekannten Schriftstücke von Art Brut-Autorinnen und Autoren erstaunen und faszinieren. Entstanden meist hinter verschlossenen Türen, im Stillen und im Geheimen, tragen sie häufig keine Anschrift oder richten sich an einen erträumten oder spirituellen Adressaten.

Die in sonderbarer Schönschrift verfassten oder hastig notierten, mitunter gestickten oder mit Inbrunst in Stein geritzten Texte werden oftmals von Bildern oder Zeichnungen begleitet. Sie offenbaren eine verblüffende Kreativität, entspringen einem dringlichen oder gar zwingenden Bedürfnis, sich auszudrücken, und stellen eine Art des tonlosen Widerstands dar.

Laure Pigeon, Lili, Adèle, Pierre, undatiert Blaue Tinte auf Papier; 49 x 64 cm © Collection de l’Art Brut, Lausanne

Laure Pigeon, Lili, Adèle, Pierre, undatiert
blaue Tinte auf Papier; 49 x 64 cm
© Collection de l’Art Brut, Lausanne

Das Schreiben fördert die Selbstbeobachtung und wird zu einer wichtigen kreativen Ressource, die manchmal den Weg zu einer Identitätssuche oder der Erfindung eines anderen Lebens und andere Male den Aufbau einer neuen Welt oder die Umgestaltung des Kosmos ermöglicht. Zettel und Blätter, Hefte und Bücher, Skulpturen und Textilien werden Träger extravaganter persönlicher Inschriften, poetisch und plastisch zugleich. Sie unterstützen die hartnäckige Suche ihrer Autor*innen: die Suche nach dem Wesen der Dinge und Wörter.

Giovanni Bosco, Wandmalereien in Castellamare del Golf, Sizilien

Giovanni Bosco, Wandmalerei in Castellammare del Golfo (Sizilien), 2008
© Associazione Outsider Art Giovanni Bosco, Castellammare del Golfo
Foto: Lucienne Peiry; Archives de la Collection de l’Art Brut, Lausanne

Giovanni Bosco, Wandmalerei in Castellammare del Golfo (Sizilien), 2008

Giovanni Bosco, Wandmalerei in Castellammare del Golfo, 2008
© Associazione Outsider Art Giovanni Bosco, Castellammare del Golfo
Foto: Magali Koenig; Archives de la Collection de l’Art Brut, Lausanne

Giovanni Bosco, Wandmalerei in Castellammare del Golfo

Giovanni Bosco, Wandmalerei in Castellammare del Golfo, 2008
© Associazione Outsider Art Giovanni Bosco, Castellammare del Golfo
Foto: Magali Koenig; Archives de la Collection de l’Art Brut, Lausanne

Die 13 Urheber*innen (exzentrische Tagebuchverfasser, Briefschreiber oder utopische Autoren) gehen einfallsreich und ungeniert ans Werk und pflegen einen spielerischen Umgang mit Syntax, Grammatik und Orthografie. Statt auf Konventionen und Normen zu achten, beschäftigen sich Adolf Wölfli, Arthur Bispo do Rosário oder Giovanni Battista Podestà – den Jean Tinguely besonders schätzte – lieber mit sprachlichen Neuschöpfungen, semantischen Spielereien oder grafischen Labyrinthen aus Wörtern, Sätzen und Zeichen.

Armand Schulthess, Assemblage im Garten von Armand Schulthess

Armand Schulthess, Arbre de chimie aromatique, 1971
Foto: © Hans-Ulrich Schlumpf, Zürich

Die Wörter tanzen über das Papier, den Stoff, die Wand oder den Boden und eröffnen überraschende visuelle und bildliche Dimensionen. Indem sie die Buchstaben zum Leben erwecken und Wort und Bild verschmelzen lassen, entfalten die Exponate eine starke und ergreifende Poesie.

Constance Schwartzlin-Berberat, Second cahier du 162e, 19 au 21 octobre, 1891–1909

Constance Schwartzlin-Berberat,
Second cahier du 162e, 19 au 21 octobre, 1891–1909
Papier, Tinte; 30,6 x 20 cm
© Sammlung Morgenthaler, Psychiatrie-Museum Bern

Was ist Art Brut?

Die Art Brut versammelt Werke autodidaktischer Kunstschaffender, die eigene Ausdrucksmittel entwickeln und häufig gänzlich abgeschottet oder zumindest stark zurückgezogen tätig sind – ausschliesslich für sich selbst und ausserhalb aller künstlerischen Kreise. Oft kümmern sie sich nicht um gesellschaftliche Konventionen, sind unempfänglich und unwissend gegenüber kulturellen Regeln und setzen sich über etablierte Normen hinweg. Stattdessen kreieren sie symbolische Universen und pflegen dabei einen spielerischen Umgang mit Darstellungsformen, Betrachtungsweisen und technischen Mitteln. Ebenso einfallsreich wie ungeniert erstellen sie ihre besonders erfinderischen Arbeiten, ohne sich bewusst zu sein, dass sie sich im Feld der Kunst bewegen.

Eigensinnig, exzentrisch, unangepasst: Art Brut-Künstler*innen leben meist am Rande der Gesellschaft und finden nur im Ausdruck ihrer persönlichen Sicht auf die Welt Erfüllung und Befriedigung. Sie schwimmen gegen den Strom und verspüren keinerlei Bedürfnis nach sozialer oder kultureller Anerkennung oder Würdigung. Ihre Erzeugnisse haben weder eine Intention noch einen Adressaten im konventionellen Sinne, richten die Zeichen sich doch nur an sie selbst oder zuweilen an ein imaginäres oder spirituelles Wesen. Sie leben in Isolation oder werden ausgegrenzt und finden keinen Platz in der Gemeinschaft, in die sie sich nicht oder kaum einfügen können oder wollen. Diese Künstler*innen finden im symbolischen Ausdruck eine Stimme, die ihnen im realen Leben verwehrt geblieben ist.

Die erstmals gezeigte Ausstellung vereinigt rund hundert Werke aus einem Dutzend Museen sowie öffentlichen und privaten Sammlungen in verschiedenen europäischen Ländern und aus Brasilien. Dokumentarfilme laden dazu ein, in die Universen der Kunstschaffenden einzutauchen und sie an ihren Wohn- und Arbeitsorten zu erleben. Begleitet wird die Ausstellung zudem durch ein Buch mit zahlreichen Texten und fast 150 Illustrationen (Paris, Seuil).

Arthur Bispo do Rosário, Manto de apresentação, undatiert

Arthur Bispo do Rosário,
Manto da Apresentação, undatiert
Bestickter Stoff, geflochtenes Garn, Papier und Metall; 118,5 x 141,2 x 7 cm
© Museo Bispo, Rio de Janeiro

Adolf Wölfli, Santta=Maria=Burg=Riesen=Traube: 100 Unitif Zohrn Tonnen schwer, 1915

Adolf Wölfli, Santta=Maria=Burg=Riesen=Traube: 100 Unitif Zohrn Tonnen schwer, 1915
Bleistift und Farbstift auf Zeitungspapier; 72 x 100,5 cm
© Kunstmuseum Bern

Arthur Bispo do Rosário, Giovanni Bosco, Marie Lieb, Heinrich Anton Müller, Fernando Nannetti, Laure Pigeon, Giovanni Battista Podestà, Armand Schulthess, Constance Schwartzlin-Berberat, Charles Steffen, Pascal Vonlanthen, Adolf Wölfli und Carlo Zinelli.

Kuratorin: Lucienne Peiry
Szenografie: Sarah Nedir