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Edgard Varèse
Komponist Klangforscher Visionär

28. April – 27. August 2006

Unter dem Titel «Edgard Varèse – Komponist, Klang-forscher, Visionär» zeigen die Paul Sacher Stiftung und das Museum Tinguely Basel im Frühjahr/Sommer 2006 eine grossangelegte Ausstellung zum Schaffen des franko-amerikanischen Musikers Edgard Varèse (1883−1965).

Damit setzen die beiden Institutionen anlässlich des 100. Geburtstags von Paul Sacher, ihres gemeinsamen Gründers bzw. Initiators, die Zusammenarbeit fort, die 1998/99 mit der Ausstellung «Von Meisterhand: Zeichnungen, Partituren und Autographen aus der Morgan Library, New York» begonnen wurde. Das Museum Jean Tinguely durfte damals für die Paul Sacher Stiftung die wertvollen Partituren und Zeichnungen der renommierten New Yorker Institution bei sich beherbergen und dazu eine begleitende Konzert- und Vortragsreihe ausrichten.

Das jetzige Ausstellungsprojekt gilt einem bahn-brechenden Komponisten des 20. Jahrhunderts, der in engem Kontakt zu zahlreichen Literaten und bildenden Künstlern wie Antonin Artaud, Alexander Calder, Marcel Duchamp, Le Corbusier, Man Ray oder Luigi Russolo stand und von ihnen wichtige Anregungen empfing.

Wie kaum ein anderer hat Varèse, der sich in jungen Jahren auf ein Ingenieurstudium vorbereitete, wissenschaftliche Konzepte auf den Bereich der musikalischen Komposition zu übertragen versucht: "When you listen to music do you ever stop to realize that you are being subjected to a physical phenomenon? Not until the air between the listener's ear and the instrument has been disturbed does music occur. … In order to anticipate the result a composer must understand the mechanics of the instruments and must know just as much as possible about acoustics. … I need an entirely new medium of expression: a sound-producing machine, not a sound-reproducing one."

Schon 1916, kurz nach seiner Übersiedlung nach New York, war er fasziniert von den Klängen des grossstädtischen Alltags, die er für seine Kompositionen fruchtbar zu machen hoffte:«American music must speak its own language, and not be the result of a certain mummified European music.»

Dementsprechend war für ihn – beispielsweise bei der 1921 mit Carlos Salzedo unternommenen Gründung der International Composers' Guild – nicht die Zugehörigkeit zu einer musikalischen Fraktion, sondern die Originalität entscheidend: «The International Composers' Guild disapproves of all 'isms'; denies the existence of schools; recognizes only the individual.»

Schon in den 1920er Jahren, spätestens aber nach seiner Komposition Ionisation (1931) – einem der ersten Werke für Schlagzeugensemble – forderte Varèse denn auch eine Revolutionierung des Instrumentariums zur Erzeugung neuer Klänge: «In music we composers are forced to use instruments that have not changed for two centuries.» Und: «The raw material of music is sound. That is what the 'reverent approach' has made most people forget – even composers. Today when science is equipped to help the composer realize what was never before possible – all that Beethoven dreamed, all that Berlioz gropingly imagined possible – the composer continues to be obsessed by traditions which are nothing but the limitations of his predecessors. Composers like anyone else today are delighted to use the many gadgets continually put on the market for our daily comfort. But when they hear in imagination sounds that no violins, wind instruments, or percussions of the orchestra can produce, it does not occur to them to demand those sounds of science. Yet science is even now equipped to give them everything they may require. … And here are the advantages I anticipate from such a machine: liberation from the arbitrary, paralyzing tempered system; the possibility of obtaining any number of cycles and subdivisions of the octave; consequently the formation of any desired scale; unsuspected range in low and high registers; new harmonic splendors obtainable from the now impossible use of sub-harmonic combinations; the possibility of obtaining any differentiation of timbre, of sound-combinations; new dynamics far beyond the present human-power orchestra; a sense of sound-projection in space by means of the emission of sound in any part or in many parts of the hall as may be required by the score; cross-rhythms unrelated to each other, treated simultaneously, or to use the old word, 'contrapuntally,' since the machine would be able to beat any number of desired notes, any subdivision of them, omission or fraction of them − all these in a given unit of measure or time which is humanly impossible to attain."

In seinem Spätwerk gelang es Varèse schliesslich, diese Ziele in die Tat umzusetzen. So ergänzte er 1953/54 sein Orchesterwerk Déserts durch Tonbandeinschübe aus "organisierten Klängen"; und 1958 schuf er auf Einladung von Le Corbusier die Tonbandkomposition Poème électronique als Beitrag zum "Gesamtkunstwerk" von dessen Philips-Pavillon an der Brüsseler Weltausstellung.

Die Analogien zu Jean Tinguely liegen auf der Hand. Auch Varèses Denken und Schaffen waren gekennzeichnet von der Begeisterung für bis dahin ungewohnte, dem Alltagsbereich entstammende Materialien, von einem – am Typus des Ingenieurs orientierten – Künstlerbild, von der Suche nach neuen Ausdrucksformen, die die gewandelten Verhältnisse der Industriegesellschaft widerspiegelten, von der Idee des − den Betrachter als Mitschöpfer einbeziehenden − Gesamtkunstwerks und von einem ausgeprägten Nonkonformismus.

Die Ausstellung präsentiert den vor kurzem von der Paul Sacher Stiftung erworbenen Nachlass Varèses nebst zahlreichen Leihgaben aus internationalen Sammlungen: Musik- und Textmanuskripte, Briefe, Programme, Gemälde und Fotografien sowie Klangbeispiele lassen ein lebendiges Bild dieses faszinierenden Komponisten entstehen, der ganze Generationen von Kollegen beeinflusst hat.

Die Ausstellung wird begleitet von einem Symposion und Konzerten sowie der Präsentation ausgewählter Klangreliefs und Geräuschmaschinen von Jean Tinguely und der Klanginstallation instant city, 2003–2006, von Sibylle Hauert und Daniel Reichmuth in Zusammenarbeit mit Volker Böhm.