BANG!

«Katja Aufleger. GONE», Installationsansicht im Museum Tinguely, Basel 2020 (Foto: Gina Folly)

AFTER SOUNDS*

Am Abend des 12.03.2021 ist eine Pre-Finissage mit Führungen, Lesungen und Musik unter freiem Himmel geplant, wenn es die Umstände zulassen.

[Mehr Informationen folgen.]

* «Die Komponistin und Klangkünstlerin Maryanne Amacher arbeitete des Öfteren mit dem, was sie als ‹after sounds› oder Nachklänge bezeichnete, jenen akustischen Wahrnehmungen, die nach der Beendigung eines gespielten Tons verweilen.»

 

Quinn Latimer, «The Signature of the Siren is the Silence After: Zu einigen Arbeiten (mit Klang, Sand und ohne) von Katja Aufleger» in: «Katja Aufleger. GONE», 2020

Katja Aufleger. GONE
2. Dezember 2020 – 14. März 2021

In ihrer ersten Einzelausstellung in der Schweiz präsentiert die Künstlerin Katja Aufleger (1983*, Oldenburg) im Museum Tinguely zerbrechliche Skulpturen, gefährliche Chemikalien und Videoarbeiten aus den letzten zehn Jahren ihres Schaffens. Mit transparenten Materialien wie Glas, Plastik und bunten Flüssigkeiten, aber auch mit immateriellen Komponenten wie Klang und Bewegung entwickelt Aufleger fragile Installationen und Filme. Dabei wirken die Objekte auf den ersten Blick vertraut und anziehend, doch bei näherer Betrachtung wird klar, dass den Werken ungewisse oder gar gefährliche Spannungen innewohnen. Mit solchen Ambivalenzen übt die Künstlerin Institutionskritik, hinterfragt Machtstrukturen und Systeme. Die Ausstellung «GONE» ist bis zum 14. März 2021 zu sehen und wird von einer Publikation begleitet, die erstmals einen umfassenden Überblick zu ihrem Werk bietet.

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Katja Aufleger, NEWTON’S CRADLE, 2013

Katja Aufleger, NEWTON’S CRADLE, 2013; Glas, Stahl, Schwefelsäure, Salpetersäure, Glyzerin, Gummi; ca. 300 x 75 x 25 cm © Courtesy of the artist; Galerie STAMPA, Basel; Galerie Conradi, Hamburg; Foto: Adamski/Berlin

«The moment is GONE.»

Der Titel spricht an, was die Werke von Katja Aufleger erst in den Gedanken auslösen. Die Veränderung bis hin zur Zerstörung sind in ihrem Schaffen angelegt - wenn auch meist nicht dargestellt - denn sie zelebriert diesen spannungsgeladenen, flüchtigen Moment vor einer Entscheidung. Aufleger interessiert sich für die Gleichzeitigkeit von Möglichkeiten, die uns als Betrachtende in ein Gedankenexperiment involviert.

Potenzielle Destruktion

In der grossen Halle des Museum Tinguely hängen an Stahlseilen drei gläserne Rundkolben von der Decke, gefüllt mit durchsichtiger Flüssigkeit. Es ist ein überdimensionales Kugelstosspendel mit dem Titel NEWTON’S CRADLE (2013/2020). Normalerweise steht es als Modell auf Schreibtischen und man kann fünf kleine Metallkugeln in Bewegung setzen und ihnen beim Pendeln zuschauen – als Demonstration kinetischer Energie. Würde man jedoch im Ausstellungsraum dazu verführt werden, dasselbe mit dem Glaspendel Auflegers zu tun, wäre die Zerstörungskraft gross, denn in den zerbrechlichen Behältnissen befinden sich die drei Bestandteile von Nitroglycerin.

In der Ausstellung begegnet uns nicht nur ein überdimensionales Newton Pendel aus zerbrechlichem Glas, das somit zum Stillstand verdammt ist, sondern auch andere gläserne Skulpturen, die bunt, organisch und wulstig an harmlose Murano-Glas Vasen erinnern, aber explosive Substanzen beinhalten [BANG! (2013–2016)] oder bunte Reinigungsmittel, die sich zu einem harmonischen Farbkreis verbinden, anstatt Verfärbungen zu entfernen [AND HE TIPPED GALLONS OF BLACK IN MY FAVORITE BLUE (2014)]. Und Videoarbeiten, die eine hohe skulpturale Qualität in ihrem zweidimensionalen Medium transportieren.

 

Katja Aufleger, AND HE TIPPED GALLONS OF BLACK IN MY FAVORITE BLUE, 2014

Katja Aufleger, AND HE TIPPED GALLONS OF BLACK IN MY FAVORITE BLUE, 2014; Reinigungsmittel © Courtesy of the artist; Galerie STAMPA, Basel; Galerie Conradi, Hamburg; Foto: Katja Aufleger

Videoarbeiten als plastische Anschauungsmodelle

Während die Destruktion meist theoretisches Potenzial bleibt, zerspringt im Video LOVE AFFAIR (2017) tatsächlich Glas. Es zeigt in Nahaufnahme Leuchtkörper vor dunklem Hintergrund. Die Stille wird plötzlich von einem lauten Knall durchbrochen. Eine Lampe nach der anderen wird zerschossen. Die Spannungsentladung bleibt im unendlichen Loop gefangen und wird zu einem unregelmässigen, rhythmischen Atmen zwischen Anziehung und Gefahr. Anfangs reizvoll und vertraut, entwickelt Auflegers Kunst ihre volle Kraft, wenn der zerstörerische Moment der Veränderung einsetzt, tatsächlich oder gedanklich. In den menschenleeren Bildwelten werden die Objekte zum begehrenswerten Anderen, das aber eine dunkle Seite birgt. Aufleger lotet die Spannbreite von zutiefst menschlichen und existenziellen Fragen um intimste Beziehungen bis hin zu Naturgesetzen aus. Die Gegensätze, die sie sichtbar macht, liegen wie im alltäglichen Leben oft nah beieinander. 

In der Videoarbeit THE GLOW (2019) sind Angelköder zu sehen, die durch Schwimmbecken gezogen werden. Verschiedene Unterwasseraufnahmen wechseln in kurzen Abständen, sodass sich Perspektive, Umgebung, Lichteinfall und Lockmittel immer wieder ändern. Zu hören ist ein rhythmisches Klackern oder Klicken, das manchmal zu den Bewegungen passt, dann wiederum asynchron ist. Es handelt sich um Filmausschnitte aus Angel-Tutorials, bei denen Angler*innen die verlockende Wirkung der Köder vorführen. Wie von Sirenen verzaubert, folgt man ihnen mit den Augen. Die Gummifische werden zu Marionetten in einem amüsanten Figurentheater oder zu animierten Avataren in einer digitalen Welt. Die wacklige Videospielästhetik dieser laienhaft produzierten Filme vor der Kulisse einer blau gekachelten, menschenleeren Unterwasserarchitektur wirkt apokalyptisch, und zugleich humoristisch.

 

Katja Aufleger, THE GLOW, 2019, (Filmstill)

Katja Aufleger, THE GLOW, 2019, (Filmstill); Video, Farbe, Ton, 8 Min. 12 Sek. © Courtesy of the artist; Galerie STAMPA, Basel; Galerie Conradi, Hamburg

Katalog

Publikation

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein bilingualer Katalog (DE/EN), der als erste wissenschaftliche Publikation zu Katja Auflegers Werk einen umfangreichen Bildteil und theoretischen Überblick samt Werkverzeichnis über ihr bisheriges Schaffen bietet. Quinn Latimer hat einen poetischen Text über die akustische und politische Dimension ihrer Arbeit geschrieben und thematisiert damit die immaterielle Seite ihrer Kunst, während sich die Kuratorin Lisa Grenzebach der allgemeinen Strategie der Künstlerin zwischen Verführung und Zerstörungslust widmet. Das Buch ist gestaltet von Grafiker und Künstler Michael Pfisterer und erscheint im Berliner DISTANZ Verlag.

Sirenen stellte man sich einst als Frauen vor, teils Vogel, teils Fisch, aber ganz Hexe. Sirenen sind Alarmsignale: Sie kündigen die Möglichkeit von Unheil an.

Quinn Latimer, «The Signature of the Siren is the Silence After: Zu einigen Arbeiten (mit Klang, Sand und ohne) von Katja Aufleger» in: «Katja Aufleger. GONE», 2020

Multimediale und konzeptuelle Kunst

Um ihre Gedankenplastiken zu materialisieren, greift Aufleger selbst zur Videokamera oder formt mit ihren eigenen Händen Ton. Doch für noch präzisere Ergebnisse lässt sie genauso ihre Ideen von Glasbläser*innen oder Programmierer*innen umsetzen. Loops, Gruppierungen und Wiederholungen erzeugen zyklische Systeme ohne Anfang und Ende. Uns bekannte Strukturen oder Methoden weidet die Künstlerin aus, befreit sie von selbstverständlicher Konnotation und füllt sie mit neuen Möglichkeiten. Sie kreiert Denkräume, die sie durch überraschende Umnutzung von Materialien erzeugt.

Mit ihrer Arbeit übt Aufleger Institutionskritik, hinterfragt Rollen und überschreitet Grenzen. So stellen Kurator*innen selbst die explosiven Kunstwerke ins Museum, während das Publikum zum wichtigsten Protagonisten der Gedankenspiele Auflegers wird. Die Werktitel sind, im Sinne Marcel Duchamps, die «added colors», also eine verbale Farbe, und somit ein elementarer Teil ihrer Arbeiten. Sie eröffnen einen weiteren Horizont und ermöglichen Assoziationen. 

 

BANG!

Katja Aufleger, BANG!, 2013-2016

Katja Aufleger, BANG!, 2013-2016; Serie: Glas, versch. explosive Substanzen, Gummi; je Skulptur ca. 50 x 30 x 30 cm, Installationsansicht «So wie wir sind 2.0», Weserburg Museum für Moderne Kunst, Bremen 2020 © Courtesy of the artist; Galerie STAMPA, Basel; Galerie Conradi, Hamburg Foto: Michael Pfisterer, 2020

Katja Aufleger, BANG!, 2013-2016, (Detail)

Katja Aufleger, BANG!, 2013-2016, (Detail); Serie: Glas, versch. explosive Substanzen, Gummi; je Skulptur ca. 50 x 30 x 30 cm © Courtesy of the artist; Galerie STAMPA, Basel; Galerie Conradi, Hamburg Foto: Michael Pfisterer, 2020

«Gut, dass du keine Angst hast», sagt die Künstlerin beim Anheben einer 30 Kilogramm schweren Glasskulptur, die wir gemeinsam auf einen 1,55 Meter hohen Sockel setzen wollen. Wir befinden uns in Berlin, an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln, in Katja Auflegers Studio.

Lisa Grenzebach, «FOLLOW HER. Die Verführung und Zerstörungslust der Katja Aufleger», in: «Katja Aufleger. GONE» (2020)

Katja Aufleger zu Gast im Museum Tinguely

Die Ausstellung befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Mengele-Totentanz (1986) von Jean Tinguely. Dieses späte Werk thematisiert Tod und Vernichtung offenkundig, während man bei «GONE» sich seiner Vergänglichkeit nicht auf den ersten Blick bewusst wird. Themen wie ephemere Kunst, das Wissen um den steten Wandel oder das Involvieren von Alltag und Betrachtenden in die bildenden Künste bieten viele Parallelen zum Œuvre des Maschinenkünstlers. Weitere Arbeiten der norddeutschen Künstlerin finden sich in der Ausstellungshalle neben Tinguelys begehbarer Grossen Méta-Maxi-Maxi-Utopia (1987), im Flur und Untergeschoss des Hauses, und verorten so die zeitgenössische Künstlerin im monografischen Museum des Schweizer Kinetikers, der die einzige Konstante in der stetigen Veränderung sah. Genau diese Spannung, der Moment vor dem Wandel, interessiert Aufleger am meisten. In Auflegers Welt wird einem erst auf den zweiten Blick die Flüchtigkeit eines Moments und seiner Vielschichtigkeit bewusst.

 

Die Ausstellung wurde von Lisa Grenzebach in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin kuratiert.

Portrait Katja Aufleger © Andrzej Steinbach

Portrait Katja Aufleger © Andrzej Steinbach

Vita

Katja Aufleger lebt und arbeitet seit mehreren Jahren in Berlin. In Hamburg hat sie an der Akademie Mode & Design (AMD) Raumkonzept und Design studiert und ihren Master 2013 in Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste (HFBK) absolviert, unter anderem bei Andreas Slominski. Vertreten wird sie von der Hamburger Galerie Conradi und der Basler Galerie STAMPA, die parallel zur Museumsausstellung die Schau «Because It’s You» zeigen wird. Aufleger war Teil der Künstlergruppe Galerie BRD und hat mehrere Auszeichnungen wie den Karl H. Dietze Preis (2012/13) oder den Berenberg Preis für Junge Kunst (2013), neben weiteren Stipendien und Künstleraufenthalten erhalten. Zusätzlich zu Gruppenausstellungen in Europa hat sie 2015 an der 6. Internationalen Art Biennale von Beijing in China teilgenommen. 2020 ist sie Teil der Gruppenausstellung "Studio Berlin" im Berghain, einem Techno-Club, der zu Zeiten von Corona zu einem Ausstellungsraum in der deutschen Hauptstadt umfunktioniert worden ist. An der Fassade prangen die Worte: "MORGEN IST DIE FRAGE".