Territories
of
Waste

Hira Nabi, All That Perishes at the Edge of Land, 2019 (Filmstill); Einkanalvideo, digital © courtesy, Hira Nabi

Territories of Waste
Über die Wiederkehr des Verdrängten

5. Mai bis 29. August 2021


In Anbetracht der planetarischen Krise ist die Vermüllung des Planeten – neben dem Klimawandel und dem Artensterben – erneut ins Zentrum künstlerischer Praktiken gerückt. Die Gruppenausstellung Territories of Waste im Museum Tinguely stellt diese Positionen zeitgenössischer Kunst in den Mittelpunkt und fragt danach, auf welchen Gebieten sich die Auseinandersetzung mit dem Übrigen heute manifestiert, um damit zugleich einen neuen Blick zurück auf die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu werfen. Die Gruppenausstellung versteht sich als eine Anhäufung oder Ansammlung vieler Stimmen, die das dynamisch Vermischte des Mülls auch als strukturierenden Begriff ernst nimmt. Die sich im Raum ausbreitende Ausstellungs­landschaft lässt sich sechs zentralen Themenbereichen zuordnen, die sie wie ein Netz durchziehen.

Schon in den 1960er Jahren haben die Künstlerinnen und Künstler des Nouveau Réalisme und der Junk Art (darunter auch Jean Tinguely) den fundamentalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel vom Mangel zur Konsum- und damit einhergehenden Wegwerfgesellschaft in ihrer Praxis durch die Verwendung von Abfall und Schrott als Material ihrer Kunstwerke gespiegelt. Während die Abfallberge der überquellenden Deponien und der achtlos in der Natur entsorgte Müll in den 1960er Jahren überall sichtbar wurde, ist er heute in den westlichen Teilen der globalisierten Welt im Wesentlichen unsichtbar. Eine ausdifferenzierte Abfallwirtschaft entledigt uns von Unrat und Schmutz ebenso wie von den Überresten unseres Konsumverhaltens. Sortiert, abtransportiert, verbrannt, geklärt, kompostiert, recycelt, in Bergwerken deponiert und exportiert ist das Ausgesonderte zwar nicht weg, aber immerhin fort.

Heute wird in den zeitgenössischen Diskursen und ästhetischen Praktiken nach den versteckten und verdrängten ökologischen, geologischen und globalen Bedingungen unseres Konsums gefragt. So hat die Thematisierung der unsichtbaren Mikrodimension des Mülls in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die erdumspannende Omnipräsenz dieser Form von Abfall in Luft, Erde, Wasser, Eis und Lebewesen – und das auch in von Menschen nie betretenen Gebieten – hat nachhaltig die Vorstellung von Natur revidiert. Gegenwärtig widmen sich Künstler*innen insbesondere auch verstärkt der territorialen Verschiebungen von Waste entlang kolonialer Geografien. Zusammen mit den globalen werden die geologischen Aspekte in den Vordergrund gerückt. Zentral für diese «geosphärische» Bedeutung ist die Reflexion über die ökologischen Dimensionen von Rohstoffgewinnung insbesondere im Bergbau.

Behandelt werden die territoriale Verschiebung von Waste entlang kolonialer Geografien, die den Export von Müll aber auch den Abraum der Rohstoffgewinnung in neo-kolonialen Ausbeutungsstrukturen umfassen. Hierbei liegt ein Fokus auch auf den elektronischen Kommunikationsgeräten und den für ihre Herstellung benötigten Metallen und seltenen Erden.

Trailer | All That Perishes at the Edge of Land

EloiseHawser_LOWRES

Eloise Hawser, The Tipping Hall, 2019
Set 3, Istanbul Biennial
Courtesy the artist and VI, VII, Oslo.
Commissioned by the 16th Istanbul Biennial. Co-produced by the 16th Istanbul Biennial and MO.CO. Montpellier Contemporain with the support of Bilge & Haro Cümbüşyan, Arts Council England and artgenève/ artmonte-carlo.
Images from Istanbul Biennial, photo Sahir Ugur Eren

Abfallbeseitigung ist eine Industrie, die heute hochgradig automatisiert ist. Moderne Waste-Management-Anlagen spiegeln in ihrer Struktur die Abtrennung des Verworfenen von der Gesellschaft. Abfall und seine «Entsorgung» soll möglichst unsichtbar bleiben. Gleichzeitig ist die mit der Reinigung verbundene körperliche Arbeit und der Kontakt mit dem «Entsorgten» eng verwoben mit gesellschaftlicher Hierarchisierung, Ausgrenzung, gar Stigmatisierung. Diese soziale Komponente auch im Hinblick auf Herkunft und Geschlechtszuschreibungen bildet einen zweiten thematischen Bereich der Ausstellung.

Weitere Arbeiten der Ausstellung beschäftigen sich mit der Verschmutzung von Luft und Wasser, den Ozeanen. Sie machen auch die auf den ersten Blick unsichtbare Mikrodimension des Übrigen sichtbar und verabschieden die noch immer vorherrschende romantische Vorstellung der unberührten Natur endgültig. Unser Waste durchzieht bereits die gesamte Ökosphäre.

Territories of Waste im ganz buchstäblichen Sinne, als verwüstete Landstriche, von Menschen gemachte Wastelands, Kriegs- und Katastrophengebiete bilden einen vierten thema­tischen Bereich in der Ausstellung. Die Spuren unseres industrialisierten und nuklearen Zeitalters haben sich in Landschaften eingeschrieben. Wasteland enthält in seinem Verständnis als einerseits unfruchtbares, anderseits als brachliegendes, ungenutztes Land aber auch die doppelte Bedeutung von Verlust und Potential.

Anca Benera and Arnold Estefan, The Last Particles, 2018 © Foto: FRAC, Courtesy by Frac des Pays de la Loire; photo credits: Fanny Trichet  

Anca Benera and Arnold Estefan, The Last Particles, 2018
© Foto: FRAC, Courtesy by Frac des Pays de la Loire; photo credits: Fanny Trichet  

Die Ausstel­lung überschreitet in einem weiteren Bereich auch die physischen und geologischen Territorien und lotet die Begriffe von Müll und Reinigung in der Sphäre des Digitalen aus. Was passiert mit Dateien, die wir in den «Papierkorb» verschieben. Es stellt sich heraus: Auch gelöschte Daten sind nicht einfach weg. Ähnlich wie im Umgang mit physischer Verschmutzung ist die Reinigung der Social Media Plattformen outgesourced in Länder des globalen Südens und wird von sogenannten «content moderators» in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen verrichtet.
 

Diana Lelonek, Center for the Living Things, seit 2016

Diana Lelonek, Center for the Living Things, seit 2016

Mit den Begriffen von Kompost, Humus und gesellschaftliche Kohabitation werden die Potentiale des Übrigen als neue Denk- und Lebensformen ebenso wie für neue Allianzen thematisiert. Die hier gezeigten Werke verbinden und durchkreuzen dafür die Bereiche von Natur und Kultur sowie Mensch und Umwelt.

Die Ausstellung wird kuratiert von Sandra Beate Reimann.

Eric Hattan, Jet d’OH!, 2000 Abfalleimer, Abfall, Auslösemechanismus, 120 x ø 40 cm © Foto: 2000, Claude Joray Courtesey: Transfert, Biel/Bienne

Eric Hattan, Jet d’OH!, 2000
Abfalleimer, Abfall, Auslösemechanismus, 120 cm hoch, ø 40 cm
© Foto: 2000, Claude Joray Courtesy: Transfert, Biel/Bienne