Lavanchy-Clarke:
Kino vor dem Kino

Lavanchy-Clarke am Cinématographe © Fondation Herzog, Basel

Lavanchy-Clarke: Kino vor dem Kino
19. Oktober 2022 – 29. Januar 2023

Schon 1896 filmte François-Henri Lavanchy-Clarke (1848-1922) die Schweiz, um sie im vielleicht ersten Kino der Welt vorzuführen: In seinem extravaganten Pavillon an der Genfer Landesausstellung. Dieser erfinderische Medienpionier ist zugleich der erste Schweizer Farbfotograf, aber auch ein dreister Werber, umtriebiger Seifenindustrieller und Reformer des internationalen Blindenwesens. Dennoch ist er heute fast vergessen – und mit ihm sein lange verschollenes filmisches Werk, das er mit dem bahnbrechenden 'Cinématographe' der Frères Lumière in der Schweiz der Belle époque vorführte. Die Ausstellung bringt seine Filme und Fotografien zurück ans Licht und entdeckt den Waadtländer Weltbürger auch als Konstrukteur von Automaten.

Lavanchy-Clarkes Pavillon an der Genfer Expo 1896 © Cinémathèque suisse

Lavanchy-Clarkes Pavillon an der Genfer Expo 1896 © Cinémathèque suisse

Wir sind im Jahr 1896. Veränderung liegt in der Luft. Am Horizont des Fin de siècle dämmert die Moderne. Epochale Entdeckungen, Erfindungen und Kunstströmungen schaffen neue Realitäten, entlarven die 'Belle Epoque' aber als nur 'Vergoldetes Zeitalter'. Und mittendrin auf dieser Schwelle steht der berühmte 'Cinématographe' der Brüder Lumière, der binnen Jahresfrist von Lyon aus den ganzen Globus erobert. Doch ganz am Anfang dieses Siegeszugs des Films stehen nicht nur Edison und die Lumière, sondern auch eine unglaublich schillernde Schweizer Gestalt, der am meisten verkannte Pionier der neueren Mediengeschichte unseres Landes. Es ist dies der Selfmade-Mann François-Henri Lavanchy-Clarke, der anlässlich der zweiten Schweizer Landesausstellung von Genf 1896 die Schweiz in sein Kino brachte, das er dort in seinem Pavillon betrieb. Dieser Auftritt an der Landesausstellung steht auch im Zentrum der Ausstellung.

Die Familie Lavanchy-Clarke, Cannes 1906 © Fondation Herzog, Basel

Die Familie Lavanchy-Clarke, Cannes 1906 © Fondation Herzog, Basel

Weshalb und wie dieses umtriebige Marketingtalent als erster in der ganzen Schweiz bewegte Bilder aufnahm und auch vorführte, ist eine faszinierende Geschichte mit den Ingredienzien Sunlight-Seife, Schokolade, Ägyptenmission, Rotes Kreuz, internationales Banking und Blindenwesen.

Lavanchy-Clarkes Biografie aus jener Lebensphase, in der er mit dem 'Cinématographe' unterwegs war, wirft ein neues Licht auf die Lebenswirklichkeit der Schweizerinnen und Schweizer zwei Generationen nach Gründung des Bundesstaates, aber auch auf unsere Mediengeschichte. Die Umbruchszeit der vorletzten Jahrhundertwende, die uns heute gelegentlich wie ein Déjà-vu anmutet, lässt sich vielleicht anhand keiner Person interessanter erzählen als anhand des genialen Monsieur François-Henri Lavanchy-Clarke, und seinen Filmen, von denen rund 50 in einem Pariser Archiv wiederentdeckt wurden. Sie können nun dank moderner Bildbearbeitungstechnologien erstmals seit 1898 wieder einer breiten Öffentlichkeit gezeigt werden: Als bewegt-bewegende Dokumente einer seit fünf Generationen entschwundenen, doch nachhallenden Zeit. Und als grundlegendes Werk eines Mannes, der als einziger Pionier des internationalen Early Cinema bei allen Zutaten, aus denen sich das Verbundmedium "Kinematografie" zusammensetzt, versiert war: Chronofotografie, Automatentechnik, chemische Industrie, Banking, Kampagnen-Marketing und Entertainment.

Lavanchy-Clarke am Cinématographe © Fondation Herzog, Basel

Lavanchy-Clarke am Cinématographe © Fondation Herzog, Basel

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Fondation Herzog und point de vue – audiovisuelle Produktionen