Otto Piene
Wege zum Paradies

Otto Piene, «Manned Helium Sculpture», 5. Januar 1969, Boston, für «The Medium Is the Medium», WGBH-TV. © 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate, Foto: Otto Piene Archiv; Connie White

Otto Piene
Wege zum Paradies
7. Februar – 12. Mai 2024

Otto Piene (1928−2014) verfolgte mit seiner Kunst hochgesteckte Ziele: Nicht nur erweiterte er seinen künstlerischen Schaffensbereich mit schwebender Sky Art und medialen Projektionen buchstäblich bis in den Himmel, auch sollten seine Werke einen Beitrag zu einer harmonischeren, friedlicheren und nachhaltigeren Welt leisten.

Thematisch strukturiert zeichnet die monografische Ausstellung Otto Piene. Wege zum Paradies die Vision des Künstlers entlang der wichtigsten Projekte und Werkserien seines Œuvres nach. Dabei stehen Werke unterschiedlicher medialer Gattungen miteinander und insbesondere mit seiner stetigen Praxis des Skizzierens und Zeichnens im Dialog. Leitend sind hierbei die Begriffe des Zeichnens und Entwerfens sowohl im engeren und weiteren Sinne, buchstäblich und übertragend als Mittel seiner visionären künstlerischen Praxis, bei der er auch auf neue Medien und neueste technologische Entwicklungen zurückgriff.

Skizze Black

Otto Piene, Untitled (text and bleed-through of previous page, left page); Untitled (designs for wind socks, right page)
Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Schenkung von Elizabeth Goldring Piene
© 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate
Foto: © President and Fellows of Harvard College, 2019.11.13

black

Otto Piene, Black Stacks Helium Sculpture,
30. Oktober 1976
Installationsansicht, Minneapolis
Farbfotografie, courtesy Walker Art Center, Minneapolis.
© 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate
Foto: courtesy Walker Art Center, Minneapolis.

In der medienübergreifenden Perspektive führt die Ausstellung die zwei oft separat betrachteten Perioden seines Schaffens zusammen und bietet vielschichtige Lektüren seines Œuvres an. Die Präsentation – darunter auch mehrere immersive Installationen und selten gezeigte Werke – lädt dazu ein, Otto Pienes Kunst jenseits einer Kritik an naiver Technikbegeisterung oder romantischem Idealismus als ein unsere Vorstellungswelt weitendes und transformatives Werkzeug in einer zunehmend unsichereren Welt wiederzuentdecken.

Ja, ich träume von einer besseren Welt.
Sollte ich von einer schlechteren träumen?

Ja, ich wünsche eine weitere Welt.
Sollte ich mir eine engere wünschen?

Otto Piene, «Wege zum Paradies», in: ZERO 3, 1961

Otto Piene, Inflation trial

Otto Piene, Testinstallation Olypmpischer Regenbogen, 1972, St. Paul, MN, USA, 1. August 1972
© 2024 Pro Litteris, Zürich; Otto Piene Estate
Foto: Jean Nelson, Otto Piene Archiv

Fleur du mal

Otto Piene, Fleur du Mal, 1968–1970
Rotes Spinnakertuch, Polyethylen, Seil, Gebläse, Zeitschaltung
213 x 127 x 120 cm
Otto Piene Estate, courtesy Sprüth Magers
© 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate
Foto: courtesy Sprüth Magers © Ingo Kniest

Die monographische Ausstellung stellt den Wunsch Otto Pienes, eine harmonischere, friedvollere und nachhaltige Welt zu gestalten in den Mittelpunkt. Sie adressiert die Vision des Künstlers, die Grenzen der traditionellen Medien der Kunst zu sprengen und sie auf atmosphärische Gefilde hin neu zu entwerfen. Anstatt sein Œuvre chronologisch zu präsentieren, bietet die Ausstellung eine Neubetrach­tung von Pienes Kunst inklusive seiner multi- und intermedialen Projekte entlang wiederkehrender Motive und Themen. So verbindet sie Perioden seiner schöpferischen Tätigkeit miteinander, die oft als distinkt angesehen worden sind, insbesondere Zero in Düsseldorf (1957–1966) und die technologiebasierte Sky Art, die in den 1960er-Jahren, nach seinem Umzug in die Vereinigten Staaten, entstand.

Wege zum Paradies stellt neben den wichtigen, bekannten Werken Pienes selten gesehene Arbeiten und unveröffentlichte Dokumente vor und ist die erste grossangelegte Museumsausstellung, die seine konstante Praxis des Skizzierens und Zeichnens im Zusammenhang mit seiner Malerei, Plastik, Installation, Performance und Medienkunst näher in Betracht zieht. Arbeiten und Projekte aus seinen wichtigsten Serien und Themenbereichen – Rasterbilder und Rauchzeichnungen, kinetische Skulpturen, Lichtinstallationen, Sky Art, Experimente mit Fernsehen und Intermedia (u. a.) – treten so in einen Dialog miteinander und mit seinen Zeichnungen. Die Begriffe «Zeichnen» und «Entwerfen» erweisen sich dabei als fruchtbar, um neue Interpretationen von Pienes Werk anzuregen und zu einer besseren Vorstellung von der grossen Bandbreite seiner Kunstpraxis zu gelangen.

Rooster

Otto Piene, Hexagonal Rooster, 1983
Installationsansicht aus International Alarm (Elizabeth Goldring, Edward LePoulin), Sky Art Conference '83, München, 1983
© 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate
Foto: Otto Piene Archiv © Elizabeth Goldring

Rooster

Otto Piene, Untitled (bleed-through of previous page, left page);
Untitled («Black Rooster», right page)
Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Schenkung von Elizabeth Goldring Piene
© 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate
Foto: © President and Fellows of Harvard College, 2019.35.9

Die Ausstellung zeigt die Bedeutung von Zeichnen und Entwerfen im engen als auch in einem weiteren Sinn in Pienes Œuvre über die Medien­grenzen hinweg auf − beispielsweise, wenn er mit Rauch und Licht oder gar mit aufblasbaren Plastiken Formen in den Himmel zeichnete. Piene skizzierte in den traditionell dafür vorgesehenen Medien wie etwa in seinen Skizzenbüchern, die er stets zur Hand hatte, experimentierte aber auch mit damals völlig neuen und innovativen Technologien wie Fernseh­übertragungen, Dia-Projektionen bis hin zu Lasern. «Entwerfen» steht darüber hinaus auch für das Potenzial, das Piene seiner Kunst zuschrieb: zur Entwicklung der Gesellschaft beizutragen, die Trennung zwischen Kunst und Technologie zu überwinden, ökologischen Verwerfungen zu begegnen und vor allem einen Beitrag zu einer friedvolleren, von der Kunst geeinten Welt zu leisten.
 

Lichtraum

Otto Piene, Lichtraum mit Mönchengladbachwand, 1963–2013
Karton, Holz, Metall, Motor, Licht
Masse variabel
Otto Piene Estate, courtesy Sprüth Magers
© 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate
Foto: courtesy Sprüth Magers © Timo Ohler

Die thematisch strukturierte Ausstellung leitet die Betrachter:innen quer durch Pienes Schaffen der zweiten Hälfte des 20. bis hinein ins 21. Jahrhundert. Mit Displays, die Skulpturen, Gemälde, Zeich­nungen und Archivmaterial (Fotografien und Videos, Dokumente) kombinieren, werden die zentralen Themenbereiche des Künstlers über die verschiedenen Medien und kreativen Phasen hinweg präsentiert. Des Weiteren bietet Wege zum Paradies mehrere Ausstellungssäle, in denen Lichtprojektionen oder Installationen mit Inflatables das Publikum dazu einladen, seine Kunst räumlich und körperlich zu erfahren. Die Kapitel der Ausstellung entfalten sich in einer Abfolge von elf Räumen, die in puncto Dichte und Atmosphäre variieren und von spannungs­geladenen dunklen Black Boxes zu lichtdurchfluten, luftigen Sälen reichen. Präsentationen in White Cube-Räumen wechseln sich mit immersiven optischen, kinetischen und skulptural-installativen Erfahrungen ab.

Aber das Helle allein zu lobpreisen, scheint mir nicht mehr genug. Ich gehe das Dunkel selber an, ich durchleuchte es, ich mache es durchsichtig, ich nehme ihm seinen Schrecken, ich mache es zu einem Volumen von Kraft, bewegt von Atem wie mein Körper und ich nehme Rauch, damit es fliegen kann.

Otto Piene, «Wege zum Paradies», in ZERO 3, 1961

Portzrait Piene

Otto Piene mit Red Sundew 2
Installationsansicht, Light Air Pax, Honolulu
Academy of the Arts, 1970
© 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate
Foto: Otto Piene Archiv

Entlang dieser variierenden Räume betont die Ausstellung Pienes künstlerischen Anspruch, über Medien hinweg zu denken und seine kreative Tätigkeit als «Wege zum Paradies» zu verstehen. Ein besonderer Schwerpunkt der Schau liegt auf Werken der späten 1960er-, frühen 1970er-Jahre, als Piene von Zero zur Sky Art überging und zwischen den USA und Westdeutschland pendelte. Hierzu zählen die frühen, zentralen immersiven Installationen (The Proliferation of the Sun, 1967; Fleurs du Mal, 1969), aber auch seine innovativen Experimente mit Fernsehen und Lichtprojektion (Black Gate Cologne, 1968; The Medium Is the Medium, 1969; Lichtspur im Haus der Sonne, 1974). Wenig beachtete Werke und neuere Archivfunde (bspw. eine Dokumentation früher Versionen von The Proliferation of the Sun) sind, neben selten zu sehenden Arbeiten, ebenso vertreten. Ausserdem wird die Ausstellung mehreren Werken erneut Atem einhauchen, die seit ihrer erstmaligen Präsentation lange nicht mehr gezeigt wurden (bspw. Anemones: An Air Aquarium, Creative Time, New York, 1976; Windsock Sculptures, MIT, 1969−1970). Mit dem verfolgten transmedialen Ansatz wird Wege zum Paradies ein komplexeres Verständnis von Pienes Werk und seinen Beiträgen zur Kunst des 20. Jahrhunderts ermöglichen. Unser kuratorischer Ansatz betont, wie relevant und beeindruckend gerade heute Pienes wegweisende Strategien des Kombinierens von Kunst mit Technologie und eines öffentlichen, sozialen und umweltbezogenen Potenzials der Kunst sind.

Biografie Otto Piene

Am 18. April 1928 wurde Otto Ludwig Wilhelm Hermann Leonhard Piene in Laasphe (Westfalen) geboren. 1944 wurde der 15-jährige Oberschüler als Kindersoldat zum Kriegsdienst in Flak-Einheiten eingezogen. Piene studierte zunächst ab 1949 Bildende Künste in München und ab 1950 an der Kunstakademie in Düsseldorf. 1953 nahm er darüber hinaus auch ein Studium der Philosophie und Ästhetik an der Universität zu Köln auf.

Erste Bekanntheit erlangte Otto Piene 1958 zusammen mit Heinz Mack als Mitgründer von Zero in Düsseldorf (1961 stiess Günther Uecker zur Kerngruppe). Gegenüber dem Dunkel des Krieges und in Abgrenzung zur gestischen Malerei der Zeit proklamierten Zero einen Neuanfang der Kunst orientiert an Licht, Vibration, Reinheit, Energie und Kosmos. ZERO wurde bald zu einem einflussreichen Netzwerk in ganz Europa. Gemeinsam war den ZERO-Künstler:innen, zu denen auch Jean Tinguely zählte, ein Interesse an optischer Wahrnehmung, am Kinetischen und an einer radikalen Reduktion der Form. In jener Zeit entwickelte Piene seine frühen wegweisenden Werke wie die Rasterbilder, seine Rauchzeichnungen und er erfand seine Lichtballette.

Weitere Durchbrüche erzielte Piene in seiner Kunst Ende der 1960er Jahre. Damals wurde er erster internationaler Fellow am CAVS des MIT in den USA und 1974 darüber hinaus auch Leiter des CAVS, als Nachfolger von György Kepes. Diese zweite grosse Schaffensperiode ist besonders geprägt durch seine Erfindung der Sky Art. Ein besonderes Highlight seiner Sky Art stellt der Olympische Regenbogen dar, den er 1972 bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele in München am Himmel über dem See des Olympiaparks steigen liess.

Mit seinem Interesse an der Verbindung von Kunst und Technik entwickelte sich Piene zum Pionier der Medienkunst: So kreierte er beispielsweise 1968 zusammen mit Aldo Tambellini Black Gate Cologne, die erste Kunstproduktion für das Fernsehen überhaupt. Die für die documenta 6 vom CAVS unter Pienes Leitung gemeinschaftlich geschaffene, monumentale Intermedia-Arbeit Centerbeam stellt einen weiteren Meilenstein seiner künstlerischen Karriere dar.

Otto Piene starb am 17. Juni 2014 auf dem Weg zu Vorbereitungen für ein Sky Event, welches auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie in Berlin im Rahmen der Retrospektive More Sky (Nationalgalerie ‒ Staatliche Museen zu Berlin und Deutschen Bank KunstHalle) stattfand.

Zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog mit fünf wissenschaftlichen Beiträgen bei Hirmer (288 Seiten, 296 Farbabbildungen).

Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Sandra Beate Reimann und Dr. Lauren Elizabeth Hanson.