Les témoins oculistes
Der Sehsinn in der Kunst

David Claerbout, «Nightscape Lightbox (First)», 2003. © 2026, ProLitteris, Zurich

Les témoins oculistes
Der Sehsinn in der Kunst

2. Dezember 2026 – 9. Mai 2027

Sehen scheint selbstverständlich und objektiv – und ist doch weit mehr als ein unmittelbarer Blick auf die Welt. Seit 2015 widmet das Museum Tinguely den menschlichen Sinnen und ihre Darstellung in der bildenden Kunst eine fortlaufende Ausstellungsreihe. Nach dem Geruchssinn (2015), Tastsinn (2016), Geschmackssinn (2020) und Hörsinn (2023), rückt mit Les témoins oculistes nun das Sehen in den Mittelpunkt. Die Ausstellung bringt Werke aus dem vergangenen Jahrhundert mit Positionen der letzten 20 Jahre in Dialog. Vom Barock bis in die Gegenwart: Zwischen kunsthistorischer Reflexion und unmittelbarer visueller Erfahrung, Experiment und Vorstellungskraft eröffnen rund 100 Werke auf über 850 m² unterschiedliche Zugänge zum Sehen.

Wie entsteht unser Blick auf die Welt?

...und was bestimmt, worauf wir ihn richten?

Künstler:innen der Moderne und Gegenwart haben die Grenzen, Mechanismen und Bedingungen des Sehens immer wieder neu ausgelotet. Seit dem 19. Jahrhundert erweitern technische Neuerungen von Fotografie und Film bis zu digitalen Bildwelten das Spektrum des Sehens und werden selbst zum Gegenstand künstlerischer Reflexion. Kunstschaffende experimentieren mit neuen Verfahren und Apparaturen, verschieben vertraute Bildordnungen und schaffen Illusionen, die gewohnte Sehweisen irritieren und das Auge als fehlbares, manipulierbares Wahrnehmungsinstrument erfahrbar machen. Zugleich richtet sich deren Blick auf das, was sich ihm entzieht: das Übersehene, Verborgene und Unsichtbare. Gerade in der zeitgenössischen Kunst wird «Nicht-Sehen»  zum kritischen Konzept, das die Dominanz des Visuellen ebenso hinterfragt wie die sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

Esther Mathis, Videostill aus 24h in my garden (For Eunice), 2026. Courtesy and © Esther Mathis

In Les témoins oculistes entfaltet sich Sehen als sinnliche, räumliche und körperliche Erfahrung – ebenso wie als Moment spielerischer und kritischer Introspektion. Gleissendes Sonnenlicht und völlige Dunkelheit, Spiegelwelten, Sehmaschinen und Bilder, die erst hinter geschlossenen Lidern entstehen, eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf das Sehen.

Zoe Leonards Gegenlichtaufnahmen der Serie Sun (2011/2012) nehmen das Sonnenlicht selbst zum Motiv und verweisen auf das Licht als Ursprung der Fotografie. Bei David Clearbouts Nightscape Lightbox (First) (2003) hingegen tritt das Bild erst allmählich aus der Dunkelheit hervor und macht das Sehen als zeitlichen Prozess erfahrbar. Auch Esther Mathis’ eigens für diese Ausstellung entstandenes Videoarbeit rückt Zeitlichkeit ins Zentrum: 24h in My Garden (for Eunice) (2026) zeichnet die subtilen Veränderungen des Lichts im Verlauf von 24 Stunden nach.

Sophie Calle, La dernière Image - Aveugle au minibus (ensemble 3 cadres), 2010. Courtesy Fonds national d'art contemporain, Centre national des arts plastiques Transfert à Carré d'Art - Musée d'Art Contemporain, Mairie de Nîmes 

Bei Alfons Schilling gerät der Blick selbst in Bewegung: Mit Prismen und Spiegeln erzeugen seine Werke dynamische Raum- und Tiefenwirkungen, die den Wahrheitsgehalt des menschlichen Blicks spielerisch infrage stellen. Während Markus Raetz in seinen Seh-/Seestücken den Prozess des Sehens und das eigene Beobachten als Künstler ins Zentrum rückt, greift Sigmar Polke in seinen fünf Gemälden Strahlen Sehen (2027) auf historische Techniken der Optik zurück und erzeugt ein Wahrnehmungsspiel, bei dem sich das Bild mit jedem Wechsel des Blickwinkels verändert.

An den Grenzen des Sichtbaren setzen Sophie Calle und Barbara Bloom an. Calle fragt in ihrer Serie La Dernière Image (2010) Menschen, die ihre Sehfähigkeit verloren haben, nach dem letzten Bild, das sie vor Augen hatten. Bloom hingegen verbindet in ihrer Arbeit Works for the Blind (1987) Brailleschrift mit Bild- und Textelementen und verdeutlicht damit das visuelle Dilemma, dass wir auf die eine oder andere Weise alle Nichtsehende sind.

Markus Raetz, Aussicht, Ramatuelle, 18.4.1983/5, 1983/5. © 2026, ProLitteris, Zürich

Bei Giuseppe Penones Rovesciare i propri occhi (1970) kehrt sich das Verhältnis von Sehen und Gesehenwerden um: verspiegelte Kontaktlinsen entziehen dem Künstler die Sicht und reflektieren zugleich seine Umgebung. So spielt die Arbeit mit der traditionellen Vorstellung vom Auge als Fenster zur Aussenwelt und Spiegel der Seele. Ivana Frankes immersive Installation We Close our Eyes and See a Flock of Birds (2013) wendet den Blick schliesslich nach innen: Pulsierendes Licht lässt hinter geschlossenen Lidern ganz individuelle Bilder entstehen — von Kreisen und Spiralen über traumartige Szenen bis hin zu fliegenden Vogelschwärmen und vorbeiziehenden Menschenmengen. Welche Bilder werden sich vor Ihren geschlossenen Augen zeigen?

Mit Olafur Eliassons Who is afraid (2004) kehrt der Blick zum Abschluss des Parcours in den Ausstellungsraum zurück. Werden Sie selbst zu Augenzeug:innen und erleben Sie, wie Licht und Farbe an den Wänden aufscheinen und gemeinsam mit Ihrem Schatten immer neue räumliche Situationen hervorbringen.

Im sinnlichen Erleben und offenen Erkunden wird in Les témoins oculistes der eigene Blick kritisch befragt. Eine Einladung zum Hin- und Durchschauen.

Olafur Eliasson, Who is afraid, 2004, Installationsansicht. Foto: Kruszewski. Courtesy Kunstmuseum Wolfsburg

Vertreten sind Werke von den Künstler:innen: Barbara Bloom, Sophie Calle, David Claerbout, Dadamaino, Tacita Dean, Marcel Duchamp, Olafur Eliasson, Leandro Erlich, Sonja Feldmeier, Ivana Franke, Richard Hamilton, Ann Veronica Janssens, Kimsooja, Lang/Baumann, Zoe Leonard, Anna Maria Maiolino, Esther Mathis, Alexandra Meyer, Oscar Muñoz, Giuseppe Penone, Michelangelo Pistoletto, Sigmar Polke, Markus Raetz, Bridget Riley, Alfons Schilling, Daniel Spoerri, Rémy Zaugg


Die Ausstellung wird kuratiert von Annja Müller-Alsbach.