Angelica Mesiti
Reverb

Angelica Mesiti, «Sidereal» (Videostill), 2024, HD-Video © 2026 ProLitteris, Zürich; Copyright the artist

Angelica Mesiti
Reverb

18. März – 30. August 2026

In einer Zeit, die von digitaler Kommunikation geprägt ist, richtet Reverb den Blick auf körperliche Formen menschlicher Verständigung. Die Ausstellung versammelt fünf Videoarbeiten der australischen Künstlerin Angelica Mesiti, die unterschiedliche Disziplinen auf poetische Weise miteinander verknüpft. Die Werke führen den Zauber des Alltäglichen unmittelbar vor Augen und zeigen, wie kulturelle Traditionen, Rituale, Musik und Klänge Identität formen und Gemeinschaft stiften. 

Angelica Mesiti (*1976), wohnhaft in Paris, arbeitet multidisziplinär an der Schnittstelle von Performance, Sound und Video. Ihre filmischen Arbeiten und raumgreifenden Installationen machen performative Praktiken erlebbar: Sound, Bewegung und Gestik dienen als nonverbale Kommunikationsformen und erzeugen Resonanzen zwischen Menschen, Orten und kulturellen Praktiken. Der Titel der Ausstellung verweist somit nicht nur auf das akustische Phänomen des Halls – so wie sich Schall ausbreitet und widerklingt, werden Ideen und Informationen über Raum und Zeit hinweg weitergetragen und entfalten ihr Nachwirken.

Angelica Mesiti, The Rites of When (Videostill), 2024, 7-Kanal-HD-Videoinstallation © 2026 ProLitteris, Zürich; Copyright the artist

In ihrer jüngsten Arbeit, der 7-Kanal-Videoinstallation The Rites of When (2024), denkt Mesiti gesellschaftliche Rituale neu. Ausgangspunkt sind alte Bräuche, die sich am Zyklus der Jahreszeiten und an der Natur orientieren. Oft sind diese eng mit dem Wissen über Sternbilder sowie Bewegungsabläufe von Mond und Sonne verknüpft, die früher landwirtschaftliche Tätigkeiten und spirituelle Handlungen bestimmten. Das Werk gliedert sich in zwei Akte, die der Winter- und der Sommersonnenwende gewidmet sind. In ihnen verdichten sich Choreografien, vokale Chöre, kollektive Formen der Klangerzeugung und elektronische Sounds, um die zukünftige Rolle von Ritualen zu befragen. Vor dem Hintergrund ökologischer Unsicherheiten, die durch den Klimawandel und die vom Menschen dominierte Umwelt entstehen, sowie eines gesellschaftlichen Wandels, in dem sich das Leben vieler Menschen zunehmend in Städten und Innenräumen abspielt, erkundet The Rites of When auf sinnliche Weise mögliche neue Formen des Miteinanders.

A Hundred Years (2020) ist eine stille Meditation über die Spuren, die Krieg in Landschaften und Erinnerungen hinterlässt. Auf den Schlachtfeldern an der Somme folgt der Film dem Rhythmus der Jahreszeiten – von Winter über Frühling und Sommer bis Herbst. Ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg hat die Natur das Land zurückerobert, doch Krater, Schützengräben und ein einzelner überlebender Baum bleiben als Mahnmale bestehen. Im Zentrum steht ein Musiker, der endlose Kreise zieht und den Gefallenen auf einer «Tin Whistle» ein Requiem spielt. Frei von Heroismus oder Nationalismus richtet Mesiti den Blick auf ökologische Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen, Erinnerungskultur und die beharrliche Kraft von Erneuerung und Wiederbelebung.

Angelica Mesiti, A Hundred Years (Videostill), 2020, HD-Video © 2026 ProLitteris, Zürich; Copyright the artist

Angelica Mesiti, Sidereal, 2024, HD-Video, Installationsansicht Chêne-Bourg Station, Koproduktion FMAC-FCAC im Rahmen des MIRE-Projekts, Foto: Serge Frühauf © 2026 ProLitteris, Zürich; Copyright the artist

Sidereal (2024) zeigt die Performance zweier Tänzer:innen, die sich von oben herabhängend langsam umeinander drehen. Zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit erinnert ihre Choreografie an die Bewegung von Himmelskörpern oder Satelliten. Mal wirkt ihre Interaktion wie ein Kampf, dann wie ein harmonisches Zusammenspiel. Die Arbeit verweist auf die Sternzeit (sidereal time), eine astronomische Zeitmessung. Sie orientiert sich an der Erdrotation relativ zu bestimmten Sternen und nicht zur Sonne. Ein farblich wechselnder Hintergrund, der die Lichtverhältnisse eines Tagesverlaufs widerspiegelt, und eine reduzierte Klangkomposition schaffen einen sinnlichen Raum zwischen dem Irdischen und dem Kosmischen.

Die dreiteilige Videoinstallation Relay League (2017) beruht auf der letzten Morsebotschaft der französischen Marine von 1997, die den Übergang zur digitalen Kommunikation markierte. Die Abfolge von Punkten und Strichen wird im ersten Video von einem Perkussionisten in ein Schlagzeugstück übersetzt. Dieses bildet wiederum die Grundlage für die Choreografie eines Tänzers im zweiten Teil. Im dritten Video vermittelt eine Tänzerin ihrem sehbeeinträchtigten Partner die Bewegungsabläufe auf eingespielte Weise durch Berührung und angeführte Gesten. So entfaltet das Werk eine poetische Reflexion über Kommunikation im Wandel und betont die Bedeutung unmittelbarer, körperlicher Verständigung in einer Zeit, in der maschinelle Codes stetig weiterentwickelt und erneuert werden.

Angelica Mesiti, Relay League (Videostill), 2017, 3-Kanal-HD-Videoinstallation © 2026 ProLitteris, Zürich; Copyright the artist

Angelica Mesiti, Prepared Piano for Movers (Haussmann) (Videostill), 2012, HD-Video © 2026 ProLitteris, Zürich; Copyright the artist

Prepared Piano for Movers (Haussmann) (2012) zeigt zwei Möbelpacker, die einen Flügel über sechs Stockwerke durch ein Pariser Treppenhaus tragen. Dabei erklingt eine avantgardistisch anmutende Komposition, die dem Zufall unterliegt: Inspiriert von John Cage wurde der Flügel präpariert. Durch im Instrument platzierte Objekte entstehen bei jeder Bewegung unvorhersehbare, perkussive Klänge. In Kombination mit dem schweren Atem der Männer entsteht ein Stück, das die Poesie alltäglicher Vorgänge offenbart.















Die Ausstellung wird kuratiert von Tabea Panizzi.
Assistenz: Maya Jung

               Biografie Angelica Mesiti

Porträt Angelica Mesiti, Foto: Josh Raymond

Angelica Mesiti (*1976) stammt aus Sydney, heute lebt und arbeitet sie in Paris. Ihre mehrkanaligen Sound-, Performance- und Videoinstallationen haben durch umfassende Ausstellungen und bedeutende Auftragsarbeiten internationale Anerkennung gefunden. 2019 vertrat sie Australien auf der 58. Biennale von Venedig mit der dreikanaligen Videoinstallation ASSEMBLY, die Fragen von Pluralität und nonverbaler Kommunikation untersucht. Diese Fragestellungen haben sich zu einem charakteristischen Merkmal ihrer künstlerischen Arbeit entwickelt. Im Jahr 2024 präsentierte sie The Rites of When, einen bedeutenden Auftrag für TANK in der Art Gallery of New South Wales.

Mesitis Werke wurden unter anderem in Einzelausstellungen im Palais de Tokyo, Paris; Art Sonje Centre, Seoul; Talbot Rice Gallery, Edinburgh; Musée d'Art Contemporain de Montréal; The National Gallery of Australia; Arter, Istanbul; Arnolfini Contemporary Art Centre, Bristol; The Banff Centre, Canada; Basis, Frankfurt; und in der Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki gezeigt.

Neben Venedig hat Mesiti an Biennalen in Singapur (2026), Boras (2021), Busan (2020), Adelaide (2018), Sydney (2014), Istanbul (2013), Sharjah (2013), Kochi-Muziris (2012) sowie den Triennalen in Aichi (2013) und Auckland (2013) teilgenommen. Ihre Arbeiten wurden ausserdem in zahlreichen Gruppenausstellungen und Filmvorführungen in Institutionen weltweit präsentiert, darunter The Highline, New York; The Barbican Centre; The Tate Modern; Centre Pompidou, Paris; Nam June Paik Art Centre; MAXXI, Rom; MONA, Hobart; MEP, Paris; Videobrasil, São Paulo; Haus der Kulturen der Welt, Berlin; ARoS Kunstmuseum; Tokyo Photographic Museum; Kadist Centre, Paris und San Francisco.

Seit 2019 ist Angelica Mesiti Professorin an der École des Beaux-Arts de Paris.

Veranstaltungsprogramm

Curator’s Tour with the artist and the curator
>> 19.03.2026, 19 Uhr (EN)
Freier Eintritt, ohne Anmeldung

Special | Guided Tour & Tanz Extra Muros
Angelica Mesiti meets Filipe Lourenço

>> 19.04.2026, 15 Uhr (EN)
Guided tour with the artist and curator: Dance in Mesiti’s work (EN)
Freier Eintritt mit Tanzhaus-Ticket

>> 19.04.2026, 17 Uhr, Compagnie Filipe Lourenço: CHEB
Eine Begegnung von traditionellen Tänzen des Maghreb und zeitgenössischen Klangwelten aus Pop, Rock, Funk und Elektro.
Ort: Tanzhaus Basel, Kosten: 15/25/35 CHF

Tanzfest | Familienangebot
WunderWesen
>> 07.05. und 08.05.2026, jeweils 16 Uhr im Solitude Park
Interaktive Tanz- und Musikreise für Kinder ab 3 Jahren und Familien im Rahmen des Tanzfest Region Basel. Freier Eintritt, ohne Anmeldung

Tanz | Physical Introduction
Kaserne LAB Artists führen tanzend in die Ausstellung ein.
>> 24.05.2026, 15 Uhr (mit Alma Toaspern)
>> 26.07.2026, 15 Uhr (mit Natascha Moschini)
Museumseintritt, ohne Anmeldung

Tanz | Extra Muros
Declan Whitaker. Away with the Faeries
>> 27.–31.05.2026, jeweils 20 Uhr, am Sonntag 16 Uhr
Irische Folklore und queere Identität: Whitaker hinterfragt Irish Dance zwischen Hommage und Rebellion.
Ort: Kaserne Basel, Kosten: 15/25/35 CHF

Familiensonntag
>> 07.06.2026, 11:30–17 Uhr
Drop-In Workshops. Die Familiensonntage sind inklusive Veranstaltungen.

Inklusiv | Performance
Stilllaut
>> 23.08.2026, 15 Uhr
Wenn man mit den Ohren sieht, und mit den Augen hört – eine musikalisch-tänzerische Performance mit Lua Leirner und Christian Neff. Museumseintritt, ohne Anmeldung